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SCHREIBERLING: Auf den Fersen Federers

Der Thurgauer René Stauffer zählt zu den erfahrensten Tennisjournalisten der Welt. Dafür hat der Biograf von Roger Federer schon die halbe Welt bereist. Am wohlsten fühlt er sich jedoch in seiner Heimat.
Samuel Koch
René Stauffer und sein Kater Tigi im Arbeitszimmer seines Zuhause. (Bild: Andrea Stalder)

René Stauffer und sein Kater Tigi im Arbeitszimmer seines Zuhause. (Bild: Andrea Stalder)

Irgendwann hat er aufgehört, Stecknadeln auf die Weltkarte zu heften. Seine Arbeit, die gleichzeitig mit grosser Passion verbunden ist, hat René Stauffer schon weit herumgebracht. Länder wie Simbabwe oder die Ukraine hat er schon bereist, aber auch klassischere Destinationen wie die USA, England oder Frankreich. Auch privat reist der 58-jährige Vater einer Tochter viel herum, denn seine Frau stammt aus Brasilien. Beruflich reiste er früher mit Stift und Papier, heute mit Laptop und dem Nötigsten im Gepäck, primär dem Tenniszirkus hinterher. Seit gestern schlagen die besten Tennisspieler der Welt in Wimbledon wieder die gelben Filzbälle über den heiligen Rasen des All England Lawn Tennis and Croquet Club im westlichen Teil Londons. Ab Ende Woche ist auch René Stauffer wieder mit von der Partie, bereits zum 29. Mal. «Es ist ein Privileg, von Sport-Berichterstattung leben zu können», sagt er beim Gespräch in seinem Haus in Müllheim. Eloquent drückt er sich aus, überlegt sind seine Aussagen. Ein Gesprächspartner, der seine Worte bewusst wählt.

Immer wieder huscht Stauffer ein Lächeln übers Gesicht, wenn er von seinem Leben erzählt. Von seinem Wohnort blickt er übers ganze Thurtal bis zu seiner Heimat Weinfelden. Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie besuchte Stauffer schon früh die Eisbahn und war Mitglied beim damaligen EHC Weinfelden. «Sport war in meinem Leben schon immer zentral», sagt er. Eigentlich wollte er damals auch noch Tennis spielen, «meine Eltern erlaubten es mir aber nicht». Seiner Schwester schon. Jeweils nach dem Training nahm Stauffer ihren Schläger und übte stundenlang gegen die Hauswand. Und er bestätigt, was die renommierte «New York Times» über ihn schreibt. Er ist stolz darauf, ein 59er-Jahrgang zu sein, wie der ehemalige Spitzentennisspieler John McEnroe. «59er sind die Besten», meint Stauffer augenzwinkernd.

Kurzgeschichten und Gelegenheitsjobs in Paris

Aber nicht nur der Sportler, sondern auch der Schreiber und der Weltenbummler schlummerten schon früh in Stauffer. «Ich schrieb gerne Kurzgeschichten, über Sport und auch übers Leben», erzählt er. Nach der Kanti zog es ihn nach Paris, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. «Ich habe viel geschrieben, konnte davon aber nicht leben», sagt Stauffer. Deshalb bewarb er sich für die Ringier-Journalistenschule und blieb zunächst erfolglos. «Ich konnte mich nicht durchsetzen, doch der damalige ‹Blick›-Chefredaktor Peter Übersax wollte mich für Sex- und Crime-Geschichten», sagt Stauffer. Er hingegen spekulierte schon länger auf einen Platz im Sport – mit Erfolg. Bereut hat er seine Entscheidung bis heute nicht, «denn ich durfte schon früh grosse Ereignisse abdecken».

Zuerst im Eishockey und Tennis, später kam Golf dazu. So besuchte er noch 1981 sein erstes Tennisturnier, inzwischen war er schon an über 90 Grand Slams. Die Akkreditierungen aller grossen Turniere hängen in einem Bilderrahmen im Büro, chronologisch sortiert. «Fast alle – denn die ersten habe ich weggeworfen», sagt Stauffer mit etwas reumütiger Stimme. Feinsäuberlich aufgeräumt und sortiert bildet sein Büro das Archiv, worauf Stauffer sichtlich stolz ist. «Das ist meinem Aszendent Jungfrau geschuldet», sagt der Ordnungsliebende mit Sternzeichen Stier und schmunzelt.

Von Günthardt über Hingis bis zu Federer

Nach einem dreijährigen Abstecher zum Fachblatt «Sport» landete Stauffer beim «Tages-Anzeiger» auf der Sportredaktion. «Das war schon immer mein Ziel.» Dort konnte er noch mehr Turnierorte bereisen, immer auf der Suche nach Exklusivität. Ein Drang, der ihm nie im Weg stand. Denn die Schweiz produzierte genau zur richtigen Zeit Tennisgrössen, die ihre Generation überragten. «Anfangen hat es mit Heinz Günthardt, dann kamen Jakob Hlasek, Marc Rosset, Martina Hingis und Roger Federer – und es hört voraussichtlich nicht schon demnächst auf», meint Stauffer.

Roger Federer erstmals getroffen hat er bei einem Juniorenturnier in Zürich. «Das war auf einem Nebenplatz, und der 15-jährige Federer fluchte und zerbarst seinen Schläger.» Seit damals sammelte er Fakten, Berichte, Zitate – immer im Hinterkopf die Idee, einst ein Buch zu verfassen. Diese Begegnung mit Federer bescherte Stauffer nicht nur unzählige Zeitungsartikel, Reisen um den ganzen Globus, sondern auch das Sprungbrett für sein erstes grosses Werk.

Dass er dafür schliesslich zum Handkuss kam, war auch seinem Redaktionskollegen und Sektenexperten Hugo Stamm zu verdanken. «Er war es, der mich vermittelte», sagt Stauffer, für den von Anfang an klar war, das Buch in Angriff nehmen zu wollen. Anfangs sei jedoch die Familie Federer gegen eine Biografie gewesen. Als dann ein deutscher Verlag von sich aus auf Stauffer zukam, gipfelten die Pläne 2006 im veröffentlichten Buch «Das Tennisgenie», das inzwischen in zehn Sprachen vorliegt. Für das Buch zog er sich mehrere Monate zurück, indem er sämtliches Ferienguthaben en bloc einzog. Seine Beziehung zum von vielen als Grössten Sportler aller Zeiten bezeichneten Federer beschreibt Stauffer als professionell. «Er nimmt sich Zeit, aber es ist nicht so, als würde er mich in Wimbledon in sein Haus einladen.» Er müsse nicht Federers Freund sein, «sonst fehlt mir die Distanz, ihn auch einmal zu kritisieren». Fasziniert von Federers Persönlichkeit ist er dennoch. «Was er geschafft hat, ist unerreicht und wird kaum jemals einer wiederholen», ist Stauffer überzeugt. Heute diktiere Federer quasi sein Arbeitspensum. Als der Schweizer Ausnahmekönner kürzlich in Stuttgart überraschend früh ausgeschieden sei, kam Stauffer kurzerhand in den Genuss einiger Ferientage. «Das gleicht sich aber jeweils wieder aus», sagt er schmunzelnd.

René Stauffer ist ein Mann der Selbstbestimmung, gewissenhaft, entdeckungsfreudig und mit einem inneren Antrieb, wie er selbst sagt. «Ich kann nicht eine Stunde nichts tun.» Obwohl die Rente naht, hat er noch viele Ziele, auch ein weiteres Buchprojekt schwebt ihm vor. «Konkretes kann ich aber noch nicht sagen.» Und sonst beschäftigt er sich im Garten, spielt zu Hause Gitarre, geht ins Fitness oder in Lipperswil Golf spielen. Die grösste und wichtigste Stecknadel auf seiner Weltkarte liegt im Thurgau. «Ein Ort wie Ferien», um den er während seiner Auslandaufenthalte und seiner 16 Jahre im Grossraum Zürich viel Daheimgebliebene beneidet hat, «und wo wir uns pudelwohl fühlen».

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