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«Schreiben ist für mich eine Qual»

Jeder sechste Erwachsene im Erwerbsalter kann nicht richtig lesen und schreiben. Das ist für diese Menschen eine grosse Belastung. Es schränkt auch ihr privates und berufliches Leben sehr stark ein. Hier erzählen zwei betroffene Thurgauer: Nina und Urs.
Sereina Capatt
Lese- und Schreibschwäche: Ein Tabu in der Gesellschaft. (Archivbild: key)

Lese- und Schreibschwäche: Ein Tabu in der Gesellschaft. (Archivbild: key)

Weinfelden. «Die Probleme fingen bereits im Kindergarten an. Ich litt an einem Sprachfehler. Der äusserte sich später in der Schule dadurch, dass ich nicht richtig lesen und schreiben lernte», sagt Nina*. Sie ist 54 und besucht als Teilnehmerin den Kurs «Lesen und Schreiben» am Bildungszentrum für Wirtschaft in Weinfelden.

Illettrismus: Ein Tabuthema

Nina leidet an Illettrismus (siehe Kasten). Sie schreibt langsam, spricht jedes Wort leise vor sich hin, bevor sie es zu Papier bringt. Für sie – wie für viele andere Betroffene – ist es schwierig, über ihr Problem zu sprechen.

Um gegen ihre Lese- und Schreibschwäche vorzugehen, haben sich an diesem Abend sieben Personen im Klassenzimmer eingefunden. Die Kursteilnehmer sind zwischen 18 und 70 Jahre alt und berufstätig. Einmal wöchentlich nehmen sie sich zweieinhalb Stunden Zeit, um lesen und schreiben zu lernen. Die Kursleiter Renate und Guido Bruggmann führen den Kurs bereits seit zehn Jahren durch. Mit viel Geduld nehmen sie sich des Problems Illettrismus an.

«Was ist gut an der Schweizer Politik?», fragt Renate Bruggmann in die Runde. Die Teilnehmer entwickeln eine lebhafte Diskussion. Ob sie denn auch selber abstimmen gingen, fragt Guido Bruggmann. Eine junge Frau verneint. «Die Abstimmungsunterlagen verstehe ich nicht», sagt sie.

Berufsalltag ist voller Hürden

Viele Leute mit einer Lese- und Schreibschwäche haben Probleme im gesellschaftlichen und beruflichen Alltag. So geht es auch Urs*. Er ist Gartenbau-Experte. «Ich muss andere Gärtner bewerten. Doch immer wenn ich jemandem einen Punkt abziehe, muss ich das in einem Satz begründen», sagt er. Die Schreibschwäche sei für ihn ein Hindernis im Berufsleben. «Ich würde sehr gerne einmal einen anderen Beruf ausüben. Ich schaue die Zeitung durch und denke: Wow, diesen Job hätte ich gerne. Doch dafür müsste ich viel besser schreiben können.» Weshalb er in der Schule das Schreiben nur ungenügend erlernt hat, weiss er selbst nicht genau. «Vielleicht war ich einfach zu faul oder ich habe mir zu wenig Mühe gegeben.» Ab der fünften Klasse schlug er sich mit Schummeln durch, schrieb Diktate ab oder bearbeitete sie im voraus zu Hause.

Für Nina war die Schulzeit eine Tortur. Sie besuchte zweimal die zweite Klasse, war die Älteste –doch schreiben konnte sie trotzdem nur ungenügend. Damals bot die Schule noch keinen Stützunterricht an. «Privatunterricht war für unsere Grossfamilie zu teuer. Den Eltern fehlte die Zeit, sich um mein Schreibproblem zu kümmern», sagt sie. Nach der Schule entschied sie sich für eine Lehre als Näherin: «Weil man da nur wenig schreiben muss.»

Lesen üben im Kinderbuch

Urs und Nina besuchen den Kurs «Lesen und Schreiben» seit zwei Jahren. Nina bekam das Kursgeld von Verwandten zu Weihnachten geschenkt. «Ich weinte vor Scham. Doch schliesslich zwang ich mich, denn Kurs regelmässig zu besuchen», sagt sie. «Früher übte ich den ganzen Tag die Bilderbüechli zu lesen, damit ich sie am Abend meinen kleinen Töchtern vorlesen konnte.» Der Kurs gebe ihr vor allem auch das Gefühl, nicht alleine mit diesem Problem zu sein.

Urs entschied sich für den Kurs, als der damalige Mister Schweiz André Reithebuch wegen seiner Schreib- und Leseschwäche in den Medien ein grosses Thema war. Für Urs ist es erstaunlich zu sehen, wie viele Personen an Illettrismus leiden.

Wie entsteht Illettrismus?

Wie Illettrismus entsteht und weshalb knapp 800 000 Personen in der Schweiz grosse Probleme beim Lesen und Schreiben haben – davon sind 365 000 Schweizerinnen und Schweizer – ist unklar.

Renate Bruggmann sieht den Hauptgrund darin, dass die Betroffenen in der Schule zu wenig gut schreiben lernten. «Man war nett zu den Lehrern und so wurden diese Schüler einfach von Klasse zu Klasse weitergereicht», sagt sie. Deswegen schrieben die Betroffenen später nur noch in äussersten Notfällen. Jede Person mit Lese- und Schreibschwäche hat seine individuellen Probleme. Die einen haben Probleme mit der Grammatik, andere mit der Satzstellung. Urs machen unter anderem die Satzzeichen Mühe, Nina eher die Rechtschreibung.

Ziel des Kurses sei nicht nur den Personen Lesen und Schreiben besser beizubringen, sondern auch ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. «Die Gesellschaft ist sich nicht bewusst, dass so viele Personen unter uns sind, denen Lesen und Schreiben Mühe bereiten.» Die Gesellschaft habe dieses Phänomen noch nicht akzeptiert.

Verständnisvolle Chefs

Für Nina ist es wichtig, dass sich Arbeitgeber dieses Problems annehmen und verständnisvoll mit Mitarbeitern umgehen, die an Illettrismus leiden. Nur so fühlten sich die Betroffenen angenommen und unternehmen schliesslich etwas gegen ihre Schwäche.

Urs gibt mittlerweile offen zu, dass er den Kurs «Lesen und Schreiben» besucht. Seiner Meinung nach sei es wichtig, dass Betroffene zu ihrem Problem stünden: «Es ist nie zu spät, besser schreiben zu lernen», sagt der 43-Jährige.

Nina würde in Zukunft gerne E-Mails schreiben. Urs nimmt sich zum Ziel, irgendwann seine Gefühle auf Papier bringen zu können – ohne Qualen.

*Namen geändert

Lesen lernen: Die Kursleiter Renate und Guido Bruggmann. (Bild: Sereina Capatt)

Lesen lernen: Die Kursleiter Renate und Guido Bruggmann. (Bild: Sereina Capatt)

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