Schon jungen Mädchen helfen

WAGENHAUSEN. Ein Jahr nach Eröffnung zieht das therapeutische Wohnen «Power2be Bethanien» in Kaltenbach eine positive Bilanz. Die Kommunikation zu den Schulsozialdiensten soll verstärkt werden. Neu werden auch Kurzaufenthalte angeboten.

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Erika Toman Leitung Therapie «Power2be Bethanien» (Bild: Benjamin Manser)

Erika Toman Leitung Therapie «Power2be Bethanien» (Bild: Benjamin Manser)

«Eine Bewohnerin, die jahrelang volle IV-Rente bezogen hat, konnte nach sechs Monaten Aufenthalt wieder voll ins Berufsleben einsteigen. Das ist ein grosser Erfolg.» Fredy Jorns, Direktor der Diakonie Bethanien, blickt ein Jahr nach Gründung der therapeutischen Wohngruppe mit fachlich hochstehender essstörungsspezifischer Betreuung positiv auf das neueste Projekt des gemeinnützigen Vereins: «Im letzten Jahr haben bis zu fünf Bewohnerinnen gleichzeitig das Angebot genutzt. Alle konnten von ihrem Aufenthalt profitieren.»

«Power2be Bethanien», das sich in Kaltenbach befindet, bietet jungen Frauen mit Essstörungen ab einem Alter von 16 Jahren ein Zuhause auf Zeit an und möchte sie einfühlsam in ihrem Heilungsprozess unterstützen. Der individuelle Tagesablauf soll unabhängig davon beibehalten werden. Die Frauen können sich gleichzeitig ihrer Genesung und Zielen wie Berufsausübung, Ausbildung oder Schulabschluss widmen. Falls keine Tagesstruktur vorhanden ist, unterstützt «Power2be Bethanien», eine solche zu finden. Dieses Konzept ist bislang einzigartig in der Schweiz und schliesst die Lücke zwischen stationärer und ambulanter Betreuung.

Schon früh ansetzen

Erika Toman, Psychologin und therapeutische Leiterin: «Wir haben im letzten Jahr die Erfahrung gemacht, dass die Frauen, die wir bislang betreuen durften, sehr krank waren und alle schon einen oder mehrere Klinikaufenthalte hinter sich hatten.» Menschen mit Essstörungen oder ihr Umfeld warteten häufig zu lange, bis sie sich Hilfe suchen. «Wir würden gerne früher ansetzen und junge Frauen somit vor einem jahrelangen Leidensweg bewahren», sagt Toman. Die meisten Essstörungen beginnen bereits in einem Alter von 12 bis 18 Jahren. «Daher verstärken wir jetzt die Kommunikation zu schulischen Institutionen oder Berufsgruppen wie Schulsozialarbeitern und schulpsychologischen Diensten.»

Das Angebot testen

Neu bietet «Power2be Bethanien» auch Kurzaufenthalte an. Das Angebot richtet sich einerseits an Frauen, die das Angebot während der Semester- oder Schulferien in Anspruch nehmen, andererseits an berufstätige Frauen, die in ihrem regulären Urlaub klären wollen, wie sie mit Ihrer Essproblematik umgehen möchten. Eva Naroska, Heilpädagogin und betriebliche Leitung, erläutert: «Viele Frauen merken, dass sie eine Essproblematik haben, sind sich aber nicht sicher, wie sie damit umgehen sollen. Sie fühlen sich noch nicht bereit für einen Gesundungsprozess und haben Angst vor Veränderungen.» Der Ferienaufenthalt sei eine Möglichkeit reinzuschnuppern.

Wie sieht das therapeutische Wohnen aus? Nach ihrem gewohnten Tagesablauf finden die Frauen ab 16 Uhr eine Gemeinschaft und fachliche Unterstützung vor: Gemeinsames Kochen und Essen, über den Tag sprechen, Natur erleben und abendliche Gruppentreffen gehören dazu. Einen festen Bestandteil bildet weiter die externe Psychotherapie, die für die Frauen verbindlich ist. Intensive Angehörigenarbeit mit Besuchswochenenden und bei Bedarf die Unterstützung durch einen Sozialarbeiter sowie einen Seelsorger runden das Angebot ab. (red.)

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