Schönes fürs Auge und das Kind in uns

Drinnen ist es ganz still, draussen laut. Drinnen im kleinen Wundertrückli aus Karton der Eglisauer Kunsttherapeutin Verena Vogt.

Mathias Frei
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Drinnen ist es ganz still, draussen laut. Drinnen im kleinen Wundertrückli aus Karton der Eglisauer Kunsttherapeutin Verena Vogt. Draussen in der Eisenwerk-Shedhalle in Frauenfeld, wo sich am Freitagabend Menschen begegnen, zusammen essen, trinken – und vor allem Kunst und anderes entdecken am Kunstnachtflohmarkt, der nun schon im siebten Jahr stattfindet. Bei 33 Ausstellern und mehreren hundert Besuchern ist es eng in der Halle.

Als Höchstpreis für Objekte am Kunstnachtflohmarkt gilt: 399 Franken. Verena Vogt aber macht von Anfang an klar: «Nein, diese Wundertrückli sind nicht zu verkaufen.» Dabei verbirgt sich gar Wundersames in den kleinen Kartonboxen. Mit einer Taschenlampe leuchtet man von oben in die Box, Einblick in die nun hellen Innenräume gewährt ein Guckloch auf einer Seite. Da sind Spiegel zu sehen, Blumen, grosse Lismete neben kleine Stühlen, Kinderwiegen und viele Farben. «Das sprich das Kind in uns an», sagt sie. Und dann verkauft Vogt natürlich auch noch: Bilder, nichtgegenständlich.

Aus Fehlern wird Kunst

In einer Ecke hat sich die Frauenfelder Künstlerin Yvonne Scarabello eingerichtet. Sie sei mit der Einstellung «Alles muss raus» an den Kunstnachtflohmarkt gekommen. Der Zeitpunkt für eine Räumung sei optimal, die Preise deshalb verhandelbar. «Ich würde auch tauschen.» Denn sie plant eine Fortsetzung ihrer Langzeit-Kunstaktion «Hab + Gut», bei der sie alles, was sie besitzt, in einer Datenbank abgelegt hat. Scarabello verkauft nun also ihre Wifelbilder, die vergangenes Jahr in einer Galerie 240 Franken pro Stück gekostet haben. Und nun? 100 Franken, per Einzahlungsschein. Merci für das Wifelbild No. 3. Gemalt mit ganz feinen Fäden auf Stoff, der in einem Stickrahmen eingespannt ist. Bei den Fadenstrukturen glaubt man zuerst an Sand. Scarabello hat die Nähmaschine manipuliert und provoziert so Fehler. Wer wiflet, stopft sonst eigentlich kleine Löcher in der Kleidung. Es sei das Bild des Organischen, was sie am Wifle interessiere – und was den Käufer fasziniert.

Durch Abfall kurze Weile

Das Buch war von Kubin, aus dem der «Einzeiler» für 25 Franken entstanden ist. An den Vornamen des Autors kann sich der St. Galler Grafiker Johannes Keel nicht mehr erinnern. Vielleicht war es Felix Kubin, vielleicht auch nicht. Mit seinem Label «Altbooken» ist Keel an den Kunstnachtflohmarkt gekommen. Keel verkauft Notizbücher, kleine Kalender und eben «Einzeiler», eine Art Notizblöckli mit Post-it. Auf jedem Blatt steht die unterste Zeile einer Buchseite, bei Kubin ist es auch die zweit-unterste Zeile, weil zuunterst nur noch ein Wort geschrieben ist. Deshalb erinnert sich Keel an Kubin. Die Bücher wären in den Abfall gewandert. Keel hat daraus einen visuellen Remix gemacht. Die «Einzeiler» sind mit Deckeln dieser Abfallbücher eingefasst. Ein kreatives Moment trifft auf serielles Arbeiten. «In den vergangenen vier Jahren ist mir so noch nie langweilig geworden», sagt Keel. Man glaubt es ihm aufs Wort.

Zwölf Träume, ein Kalender

Der Frauenfelder Schreiner Florian Hunziker verkauft zum Zentimetertarif, einen Franken pro Zentimeter, und zwar einen Kalender mit zwölf Motiven. Am Ursprung des Kalenders steht ein Holzschnitt. Das ganze Jahr 2015 misst 150 Zentimeter. Das wären 150 Franken. Den Zentimeter Holzrahmen (inklusive Glasscheibe) gibt's ebenfalls für einen Franken. Aber es ist auch möglich, nur einen Abschnitt des Kalenderdrucks zu erstehen. Zum Beispiel den März mit seinem schmucken Blumenreigen, der ins Schiffsmotiv des Aprils verschwimmt. Mit Rahmen kostet der Ausschnitt 62 Franken. Den Druck schneidet Hunziker vor Ort zu, ebenso das Glas, und rahmt auch. Werkzeuge dafür hat Hunziker dabei. Die Motive stammen aus den Rauhnacht-Träumen des Schreiners – oder was morgens um 6.30 Uhr noch davon in Erinnerung ist. «Die Rauhnächte sind die dunkelsten Nächte im Jahr, vom Weihnachtstag bis zum 6. Januar», sagt Hunziker. Jede Nacht steht für einen Monat.