Schmaler geht's nimmer in der Stadt

Es ist eine Geschichte um schöne Jungfern, fleissige Papeteristen und die Familie Wüest. Im Zentrum steht ein Altstadthaus, das auch nach dem zweiten Frauenfelder Stadtbrand nicht breiter wurde – und wo bis vor kurzem das Weinlokal La Trouvaille daheim war.

Angelus Hux
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Wo bis vor kurzem das Weinbistro La Trouvaille daheim war: Das Haus an der Zürcherstrasse 168 ist nur gut vier Meter breit. (Bild: Donato Caspari)

Wo bis vor kurzem das Weinbistro La Trouvaille daheim war: Das Haus an der Zürcherstrasse 168 ist nur gut vier Meter breit. (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. Verdichtetes Bauen ist heute angesagt. Überall schiessen Geschäfts- und Wohnbauten schmal in die Höhe. Wer meint, das sei erst heute so, der irrt. Die Fläche, auf der die Frauenfelder Altstadt entstand, war schon immer knapp. Ein Beispiel gefällig? In der Zeile der Zürcherstrasse vom Meitlibrunnen bis zum Redinghaus (Zürcherstrasse 164–180) standen vor dem ersten Stadtbrand 16 schmale, hohe Häuser, heute sind es neun breitere. Man fasste beim Wiederaufbau zwei oder sogar drei Brandplätze für einen Neubau zusammen.

Nur an einer Stelle klappte das nicht. Das dritte Haus östlich des Meitlibrunnens blieb in seinen alten Dimensionen und zeigt heute noch, wie eng viele der einstigen Häuser Frauenfelds waren. Es steht auf einer Fläche von gerade einmal 61 Quadratmetern, misst gut vier Meter in der Breite, aber 15 Meter in der Haustiefe gegen die Mittelgasse hin. Vor dem Brand war die Mittelgasse noch schmaler gewesen als heute, das Haus also noch tiefer und damit wohl auch im Innern sehr dunkel. Nur zwei Fenstern mit ihren Läden bietet die Fassade Raum. Im Erdgeschoss ist neben der schmalen Eingangstür seit 1925 ein einziges Schaufenster eingebaut.

Ein Bistro als Fundstück

«La Trouvaille» heisst das hübsche, kleine Weinlokal, das bis vor kurzem noch Gäste ins Erdgeschoss einlud. Der langjährige Betreiber wollte kürzertreten, derzeit läuft die Suche nach einem neuen Wirt. Der Name des Lokals täuscht nicht. Das ganze Haus ist eine echte Trouvaille, ein Fund. Es lohnt sich, seiner Geschichte etwas nachzugehen.

Vor dem Brand von 1771 gehörte das Schmalhaus dem Windenmacher Hans Jakob Hurter (1684–1761) und seinem Erben Andreas Hurter (1726–1794). Andreas Hurter besorgte den Wiederaufbau, zog aber vermutlich bei seiner Heirat 1776 aus und überliess der Witwe Anna Wüest-Schmid (1729–1780) das Haus. Sie hatte sich 1755 mit dem Schuster Remigius Maximin Wüest (1734–1759) verehelicht, der sie und ihr Kleinkind aber verliess und 1759 in neapolitanischem Kriegsdienst umkam.

Der Knabe Gallus Maximin Wüest (1756–1817) wuchs heran und führte nach dem Tod seiner Mutter Magdalena Merk von Leutmerken als seine Gattin in das ererbte Haus. Er übte das Handwerk eines Schneiders aus und verdiente als Stadtweibel ein Zubrot. Vier Kinder entstammten dieser Ehe. Der erste Sohn, Joseph Xaver Maximin (1785–1847), trat in die Fussstapfen seines Vaters, wurde Kammmacher und Gemeindeweibel. Er kaufte 1808 das Elternhaus. Der zweite Sohn, Joseph Maximin Dominicus (1789–1854), blieb ledig und begann als Buchbinder zu arbeiten, womit er eine lange Familientradition begründete.

Buchbinder ist auch Chorleiter

In der nächsten Wüest-Generation treten nebst sechs Mädchen drei Knaben in Erscheinung. Benedikt (1813–1873) waltete als Mesmer in der Stadtkirche St. Nikolaus, Dominicus (1819–1896) amtierte als Pfarrer in Warth, und Carl Wüest (1817–1889) folgte den Spuren seiner Ahnen, wurde Buchbinder, Regierungsweibel und Kanzlist, setzte sich aber als Chorleiter auch für die Kirche ein. Er gliederte um 1855 erstmals ein Verkaufsgeschäft für Papeteriewaren an und übernahm den Vorverkauf von Eintrittskarten für Konzerte. Als Staatsdiener betreute er auch die offizielle Auslieferungsstelle für die Lehrmittel an den thurgauischen Schulen und vertrieb ein kleines Sortiment an Büchern. Carl Wüests Sohn Johann Franz Xaver (1853–1897) – Rufname Xaver – setzte das Buchbinderhandwerk an der Zürcherstrasse 168 fort. Seine Gattin Josefine Stähelin (1856–1925) von Sommeri besorgte den Laden. Er vermittelte gemäss dem Adressbuch von 1884 auch «musikalische Instrumente», war überhaupt der Musik zugetan und trat sogar in Konzerten des Oratoriengesangvereins als Tenorsolist auf.

Der Ehe Wüest-Stähelin entstammten sieben Kinder. Alle waren noch unmündig, als der Vater 1897 starb. Mit Hilfspersonal brachte die Witwe den Laden über die Runden. Der Umsatz war aber äusserst knapp. Vor Ostern und im Dezember sei weitaus am meisten verkauft worden. Zu den Festtagen schenkte man sich damals noch schöne Papeterien. Man schrieb damals noch Briefe. Nicht vergessen darf man den Bedarf der Schüler an Papeteriewaren.

Xaver Wüests ältester Sohn Alfons (1883–1936) hegte keine Vorliebe für Papier. Ihn lockte die technische Welt, Mechaniker wollte er werden. Er fand seinen Platz in der ersten Autofirma Frauenfelds, bei Martini & Co., übernahm dann selbst eine Garage und wurde vom Kanton als Automobilexperte eingesetzt.

St. Gallen, Berlin, Kiel

Für den zweiten Sohn Anton Wüest (1895–1970) schien es daher vorgezeichnet, dass er die Papeterie und Buchbinderei übernehmen würde. Nach der Primarschule besuchte er drei Jahre die Industrieabteilung der Kantonsschule. Von April 1911 bis April 1914 absolvierte er eine Lehre in St. Gallen, blieb dann noch ein Jahr in der Lehrfirma, bevor er sich in Berlin-Charlottenburg und Kiel weiterbildete. Im Herbst 1916 kehrte er ins elterliche Geschäft zurück. Ab Oktober 1923 trug er die Verantwortung für das Geschäft, das er aber erst ab 1. Februar 1925 unter seinem Namen führte. Vor der Übernahme des elterlichen Hauses liess er 1925 Laden, Schaufenster und Atelier durch den Architekten Hermann Scheibling umbauen. Privat bezog die Familie eine Wohnung ausser Haus, zuerst an der Talackerstrasse, dann an der Thundorferstrasse. Anton Wüest richtete sich im Obergeschoss seines schmalen Geschäftshauses sein Atelier ein und erledigte die Buchbinderarbeiten, die ihm von vielen Gemeinden, Vereinen und Firmen übergeben wurden. Gelegentlich kamen Einrahmungen von Bildern dazu. Derweil bedienten im Erdgeschoss seine beiden Schwestern Marie (1880–1945) und Cécile (1892– 1977) die Kundschaft. Ab 1926 kam auch Antons Frau, Clara Maria geborene Meyer, dazu. In ihren jungen Jahren soll sie eine ausgesprochene Schönheit gewesen sein. In seinem Rückblick mit dem Titel «Anno dazumal» erinnert sich Hans Koch an den Umzug zur Einweihung des Schulhauses Ergaten im Jahre 1921. Er schreibt: «Ich war ein Täfelibub und bestaunte das lebendige Frauenfelder Wappen, das rotrockige Fräuli mit dem wildtanzenden grimmigen Kyburgerlöwen an der langen goldigen Kette. Die Jungfer führte das Wappentier durch die Strassen, und später verkaufte sie an der Zürcherstrasse Papeteriewaren und trug einen Namen, der justament das Gegenteil aussagte, als ihr hübsches Gesicht im Festzug verriet.» Besagtes «Fräuli» hiess wohl Clara Meyer, spätere Frau Wüest.

Anton blieb der Kleine

Die Freundlichkeit, mit der die Damen Wüest ihre Kundschaft behandelten, war legendär. Kam einmal ein Kunde mit einem schwer erfüllbaren Wunsch, so dass der Fachmann beigezogen werden musste, dann rief Cécile durch das enge Treppenhaus in die Werkstatt hinauf: «Chliine, chunnsch emol gschwind obenabe?» Sie war eben um drei Jahre älter als Anton, der als Jüngster der Geschwister noch im Alter mit dieser Anrede leben musste.

1937 liess sich Anton Wüest durch den Architekten Hermann Scheibling ein Wohnhaus an der Thundorferstrasse 77 erstellen. Nun konnte das Ehepaar abends der Enge des Altstadtgeschäfts quasi aufs Land entfliehen. Am 1. Oktober 1945 stellte Anton Wüest die Buchbinderei ein. Als beider Kräfte langsam nachliessen, übergaben sie Anfang April 1962 den Laden dem Nachfolger Paul Specker, der die Papeterie noch einige Jahre weiter betrieb.

Nun ist nach etlichen Zwischennutzungen und einem gründlichen Umbau im Innern ein Bistro entstanden – ohne übertriebenes Dekor. Denn hier ist der historische Raum selber Dekor.

Bild: ANGELUS HUX

Bild: ANGELUS HUX

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