Schlimmeres macht vieles besser

FRAUENFELD. Nico Semsrotts depressiv gefärbte Komik kam am Samstag im ausverkauften Frauenfelder Vorstadttheater gut an, obwohl dem Publikum das Lachen bisweilen in der Kehle stecken blieb.

Katrin Zürcher
Drucken
Teilen
Buchhalter der Pointen: Fein säuberlich hakt der deutsche Poetry Slammer Nico Semsrott jeden seiner Gags auf der Liste auf seinem Klemmbrett ab. (Bild: Luisa Wunderlin)

Buchhalter der Pointen: Fein säuberlich hakt der deutsche Poetry Slammer Nico Semsrott jeden seiner Gags auf der Liste auf seinem Klemmbrett ab. (Bild: Luisa Wunderlin)

«Beginne den Tag mit einem Lächeln, dann hast du's hinter dir»: Seinem Lebensmotto folgt der Hamburger Kabarettist Nico Semsrott auf der Bühne nicht. Kein Lächeln erhellt sein blasses, von einer schwarzen Kapuze eingerahmtes Gesicht, als er das Publikum im Vorstadttheater Frauenfeld begrüsst. «Hallo, ich bin Nico, 23 Jahre alt, und aus Versehen hier», sagt er emotionslos. «Wenn Sie sich fragen, warum ich über Depressionen rede: Man kann sich am Thema gut aufhängen.» Seine Standard-Gags hakt er einen nach dem anderen am Klemmbrett ab. «Wer von Ihnen hat keine Erwartungen an den heutigen Abend und befürchtet, dass auch diese enttäuscht werden?» Die über 100 Zuschauerinnen und Zuschauer, von denen sich wegen des grossen Andrangs etliche auf den Fussboden gesetzt haben, lachen lauthals.

Das weisse Kaninchen hilft

Neben dem Klemmbrett hat Nico Semsrott fünf Power-Point-Präsentationen mitgebracht, von der phasenweise pessimistischen über die punktuell philosophische bis zur putzig-positiven. Ihr Herzstück ist das Foto eines weissen Kaninchens, das er bei Stimmungsabsackern einsetzt. Denn Semsrott stellt grosse Lebensfragen wie «Haben Arbeitsplätze mehr Recht als Menschen?». Ja, sagt er, denn jeder Arbeitsplatz bekomme einen Menschen, nicht aber jeder Mensch einen Arbeitsplatz.

Bis einem das Lachen vergeht

Zu «Wie kann ich trotz Kapitalismus ein gutes Leben führen?» spricht er über ausgebeutete asiatische Textilarbeiterinnen und Kindersklaverei, bis dem Publikum das Lachen vergeht. Das Bild des süssen Kaninchens hilft. Der selbsternannte Tragiker bietet auch Lebenshilfe. «Ignorieren Sie depressive Nachrichten oder relativieren Sie sie durch schlimmere.» Von Selbstmord rät er ab: «Der macht sich nicht gut im Lebenslauf.»

Ein Lächeln im blassen Gesicht

Die Eurokrise sieht Nico Semsrott als geeigneten Anlass für einen europäischen Krieg: «Ihr Schweizer finanziert ihn, der Rest von Europa führt ihn aus.» Seine bitterböse Kritik an Gesellschaft und Wirtschaft und seine «no fun facts», die spassfreien Fakten, verschonten auch nicht die Schweizer Grossbanken oder die katholische Kirche.

Seine Überlegungen schwanken zwischen Absurdität und erschreckender Realität. Dem Publikum wünscht er zum Schluss: «Möge euer Leben eines Tages so schön sein, wie ihr es auf Facebook darstellt.» Es belohnt Semsrott so lange mit Applaus, bis sich doch noch ein Lächeln auf seinem blassen Gesicht zeigt.

Aktuelle Nachrichten