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SCHLATT: Die Fahrlässigkeit fehlt

Ein Grossbrand in einer Fabrik im Paradies im Frühling 2014 verursachte einen Sachschaden von über elf Millionen Franken. Nun hat das Bezirksgericht Frauenfeld den mutmasslichen Verursacher entlastet.
Samuel Koch
Feuerwehrleute bekämpfen den Brand in der Metallverarbeitungsfirma. (Bild: Stefan Hilzinger (20. März 2014))

Feuerwehrleute bekämpfen den Brand in der Metallverarbeitungsfirma. (Bild: Stefan Hilzinger (20. März 2014))

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch

Ein Funken ist schuld. Dieser löste einen Mottbrand aus und daraus entwickelte sich am Nachmittag des 20. März 2014 ein Grossbrand. Über 80 Feuerwehrleute waren im Einsatz, das Feuer im Gebäudekomplex an der Diessenhoferstrasse in Schlatt-Neuparadies zu löschen. Weil sie jedoch die lodernden Flammen nicht sofort bändigen konnten, zerstörte das Feuer nicht nur die komplette Halle, sondern auch Maschinen oder Fahrzeuge wie etwa einige Oldtimer. Insgesamt entstand ein Sachschaden von 11,5 Millionen Franken.

Gestern rollte das Bezirksgericht Frauenfeld den Fall auf, denn der Beschuldigte wehrte sich gegen den Strafbefehl der Thurgauer Staatsanwaltschaft, er habe die Feuersbrunst fahrlässig verursacht. «Ich habe mir in all den Jahren nie etwas zu schulden kommen lassen», sagt der heute 65-Jährige in gebrochenem Deutsch. Dem spanischen Staatsangehörigen, der über 30 Jahre als Maschinenmechaniker in verschiedenen Firmen arbeitete, geht die Sache nahe. «Ich war mein Leben lang immer sehr vorsichtig und habe meine Arbeit immer bewusst erledigt», sagt der kleine und übergewichtige Beschuldigte mit leicht weinerlicher Stimme, gekleidet in blauem Pullover und Jeans. Seit dem Vorfall sei er arbeitslos. Nur weil er vor wenigen Tagen ins Pensionsalter gekommen ist, kann er von der Rente leben.

Kaffeepause mit ehemaligem Chef

Am besagten Unglückstag arbeitete der Beschuldigte mit einer Winkelschleifscheibe und der dazugehörigen Fächerschleifscheibe am metallenen Kantenschutz der Rampe. Um ein Profil anzuschweissen, entfernte er mit der Maschine die sich am Kantenschutz befindende grüne Farbe. «Beim Abschleifen hat es keine Funken gegeben», beteuert der Angeklagte. Danach besuchte ihn sein ehemaliger Chef wegen eines Problems an einem der Kompressoren. Um dafür eine Lösung zu finden, legte er eine Kaffeepause ein. «Etwa eine Viertelstunde später habe ich das bisschen Staub vom Schleifen zusammengewischt und ins nasse Auffangbecken einer Flachschleifmaschine getan», ergänzt der Beschuldigte. Danach seien sie in die Halle nebenan gegangen, und als er nach rund zehn Minuten zurückkam, war die Halle schon voller Rauch. «Es ist wie ein Schock, ich begreife es nicht.» Er habe in seinem Leben schon hunderte Male Farbe abgeschliffen und die Rückstände jeweils so entsorgt.

Sein ehemaliger Chef, der vom Gericht als Zeuge geladen war, bestätigt die Aussagen des Beschuldigten. Der Staatsanwalt hingegen stellt dessen Glaubwürdigkeit in Frage und plädiert auf Schuldspruch: «Die Brandermittler haben den Brandherd klar im Auffangbecken der Flachschleifmaschine festgestellt.» Ein Kurzschluss oder andere Ursachen seien hingegen klar ausgeschlossen worden. Bei seiner Tätigkeit habe der Beschuldigte Richtlinien des kantonalen Gesetzes über den Feuerschutz und damit seine Sorgfaltspflicht verletzt, und er sei deshalb der Fahrlässigkeit schuldig. «Er hätte den Brand verhindern können, die Gefahren waren bekannt», ergänzt der Staatsanwalt.

Fragen nach der Funkenflut in der Halle nebenan

Für den Verteidiger hingegen legen für einen Schuldspruch keine Beweise vor. Deshalb sei sein Mandant «in dubio pro reo» freizusprechen. Der Verteidiger stellt vielmehr die Arbeit der Brandermittler in Frage. «Interessant ist doch, dass gleichzeitig in der Halle nebenan jemand einer anderen Firma mit Trennscheiben grosse T-Träger voneinander getrennt hat», sagt er. Dabei seien Funken viel eher zu erwarten, die meterweit flögen und so durch einen Luftspalt durchaus auch als Brandauslöser in Frage kämen. «Laut Akten wurde das nie geprüft, deshalb ist die Strafuntersuchung mangelhaft», führt der Verteidiger aus. Weder der Beschuldigte noch der Zeuge sahen es mit eigenen Augen. «Der Lärm und die Funkenflut zeugen aber klar dafür», sagt der Beschuldigte. Zudem hätten ihm andere Mieter des Gebäudekomplexes gesagt: «Man muss sich nicht wundern, wenn sie so die ganze Firma anzünden.» Diese Zeugen seien von der Staatsanwaltschaft nicht gehört worden. Als die Brandermittler die Situation nachstellten, zeigte sich, dass für Funken beim Farbabschleifen so fest gedrückt werden muss, dass die Maschine kaputtginge.

Als erstaunlich und grenzwertig betitelt wiederum der Staatsanwalt den Verdacht des Verteidigers. Die vorsitzende Richterin Irene Herzog pflichtet dem Staatsanwalt bei: «Dass die Brandursache von der Halle nebenan ausgeht, sehen wir nicht.» Aber es sei vom Beschuldigten ebenso wenig beim Abschleifen der Farbe noch bei der Entsorgung im Auffangbecken der Flachschleifmaschine eine Sorgfaltspflicht verletzt worden. Wenn Schleifrückstände mindestens zehn Minuten herumlägen, könnten sie keine Gefahr mehr darstellen. «Es durfte davon ausgangen werden, dass es so nicht zum Brand kommt», begründet Herzog. Vielmehr müsse beim Feuer durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ausgegangen werden. Deshalb spricht das Gericht den Beschuldigten vom Vorwurf der fahrlässigen Verursachung einer Feuersbrunst frei, entschädigt ihn mit rund 5000 Franken und erlegt dem Staat die Gerichtskosten auf. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Frist für die Berufung läuft.

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