SCHLATT: Alte Liebe rostet nicht

Die Giesserei Georg Fischer legte sich 1952 im Kloster Paradies eine Bibliothek zum Thema Eisen an. Die weltweit einzigartige Institution interessiert sich mittlerweile auch für Kunststoffe.

Stefan Hilzinger
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Geschäftsführerin Franziska Eggimann blättert in einem der Schätze der Eisenbibliothek. Die Skulptur links zeigt zwei Eisengiesser. (Bild: Reto Martin)

Geschäftsführerin Franziska Eggimann blättert in einem der Schätze der Eisenbibliothek. Die Skulptur links zeigt zwei Eisengiesser. (Bild: Reto Martin)

Stefan Hilzinger

Götz von Berlichingen war ein echter Haudegen. Dichterfürst Goethe verewigte das Leben des spätmittelalterlichen Ritters in einem Drama, worin Goethe das berühmte Zitat «Er kann mich im A... lecken» nachhaltig in Umlauf setzte. Raubein Götz ist auch bekannt als früher Träger einer Armprothese, eines feinmechanischen Meisterwerks aus Zahnrädern, Federn und Blechen.

Christian von Mechels detaillierter Stich der Eisernen Hand ist eines der Prunkstücke der Eisenbibliothek im Klostergut Paradies bei Schlatt. «Der Mechanismus greift auf die Künste der Uhrmacher der damaligen Zeit zurück», erklärt Franziska Eggimann. Die Historikerin leitet die Eisenbibliothek und das Konzernarchiv der Georg Fischer AG (GF) seit 2013.

Die Bibliothek ist eine weltweit einzigartige Einrichtung. Sie ist die grösste private Sammlung von Fachliteratur rund um das Thema Eisen. «Die Sammlung bildet die Technikgeschichte des Werkstoffes in der ganzen Breite ab», sagt Leiterin Eggimann.

Seit hundert Jahren gehört das einstige Klarissenkloster dem Schaffhauser Industriekonzern GF, der aus einer Giesserei hervorgangen ist. Direktor Ernst Müller (1885 bis 1957) gab den Anstoss zur Bibliothek. 1948 fiel der Startschuss mit der Gründung der Stiftung Eisenbibliothek. Rechtzeitig zum 150-Jahr-Jubiläum von GF im Jahr 1952 konnte die Bibliothek mit 10000 Bänden eingeweiht werden. «Heute zählt der Bestand rund 45000 Titel», sagt Eggimann.

Nebst historischer Literatur sammelt die Bibliothek laufend aktuelle Fachzeitschriften. «Wir beschäftigen uns mittlerweile auch mit Kunststoff», sagt Eggimann. Schliesslich haben Kunststoffe im Laufe der Zeit auch im Mutterhaus GF die Werkstoffe Eisen und Stahl ergänzt. So findet sich in den Beständen etwa auch frühe Fachliteratur zur Gewinnung und Verwendung von Kautschuk als Werkstoff.

Es sind vor allem Fachleute aus der ganzen Welt, die auf die teilweise digitalisierten Bestände der Eisenbibliothek zurückgreifen. Seit 2015 sind regelmässig sogenannte Scholars zu Gast. Studenten oder gestandene Wissenschafter kommen für einige Wochen ins Paradies, um vor Ort die umfangreichen Quellen zu studieren. Einmal jährlich lädt die Institution zudem zu einem wissenschaftshistorischen Kongress ins Paradies ein. Die Vorträge publiziert die Bibliothek in der eigenen Zeitschrift «Ferrum».

Der prächtige Bildband vom Turmbau zu Paris

Die Bibliothek ist zwar nicht öffentlich zugänglich. Doch sie bietet auf Anmeldungen interessierten Gruppen Führungen an. «Es sind zwischen 1000 und 1500 Personen pro Jahr», sagt Eggimann. Auf den Führungen gibt es nicht nur den Plan der Eisenhand zu sehen, sondern auch das «Eiffelturm-Buch», wie Eggimann es nennt. Ingenieur Gustave Eiffel verschenkte das Werk nach der Eröffnung des Turms zu Paris an ausgewählte Personen.

Der äusserst rare Prachtband enthält nicht nur grossartige Schwarz-Weiss-Fotografien des Bauverlaufs, sondern auch detaillierte Pläne des Eisenturms. Jede Niete und jede Strebe sowie alle Masse sind auszumachen. Wer das Buch besitzt, wäre glatt im Stande, den Turm nachzubauen.