Schauplätze zwischen öffentlich und intim

FRAUENFELD. Im für sie unbekannten Buenos Aires spürte sie malerisch dem Alltag und dem Inszenierten nach, in Bolivien verunfallte sie schwer. Was Carole Isler aus dem Stipendium der Stadt Frauenfeld nach Hause brachte, ist ab heute in der Stadtgalerie Baliere zu sehen.

Mathias Frei
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Damit das Teatro Colón gerade hängt: Künstlerin Carole Isler (rechts) lässt sich von Baliere-Kuratorin Milena Oehy helfen. (Bild: Andrea Stalder)

Damit das Teatro Colón gerade hängt: Künstlerin Carole Isler (rechts) lässt sich von Baliere-Kuratorin Milena Oehy helfen. (Bild: Andrea Stalder)

Die Menschen, die sich emotionslos in Warteschlangen einreihen. Die Studentenmütter, die für ihre verschwundenen Söhne demonstrieren. Die Hundesitter, die ein Dutzend Hunde an der Leine ausführen. Die Frauen, die in den Milongas, den Tango-Tanzlokalen, ungezwungen miteinander tanzen. Die Kioskfrau Solange, deren Lädeli aus Sicherheitsgründen vergittert ist. Carole Isler hat das alles gesehen in Buenos Aires. «Ich war wie ein kleines Kind auf Entdeckungsreise», erzählt die 24jährige Frauenfelderin.

Nach Franziska Etter und Mark J. Huber hat die Stadt Frauenfeld Carole Isler vergangenen Sommer ein halbjähriges Stipendium in Buenos Aires ermöglicht. Aber schon im ersten Monat wurde Carole Isler bei einem Busunfall in Bolivien schwer verletzt. Es folgte ein längerer Spitalaufenthalt in der Schweiz. Deshalb brachte die Hochschule-Luzern-Absolventin mit einem Bachelor in Kunst und Vermittlung das Stipendium erst diesen Frühling zu Ende.

Bühnen einer Stadt

«El escenario» – so der Titel der Ausstellung in der Baliere – bedeutet, aus dem Spanischen übersetzt, so viel wie «Bühne» oder auch Schauplatz, wo sich Weltgeschichte genauso ereignen kann wie Alltag. Natürlich finden auch Bühnen an sich Aufnahme in Islers Werk, Buenos Aires bekanntestes Theater, das Colón, oder das Teatro José Verdi in Islers temporärem Wohnquartier La Boca oder ein Theater, das heute eine Buchhandlung ist.

Baliere-Kuratorin Milena Oehy findet es beeindruckend, «wie grob Carole Isler die grossformatigen Leinwände mit Acryl bearbeitet und zugleich wie feinteilig die Szenen» auf diesen Schauplätzen seien. In ihren grossen Werken interessiert sich Isler denn auch weniger für die Theaterinszenierungen, sondern für deren Brüche – wenn zum Beispiel während der Probe nachgeschminkt werden muss wie auf dem Bild der «Macbeth»-Probe am Stadttheater Luzern, einem Teil ihrer Bachelorarbeit. Als Statistin konnte sie dort zu unkonventionellen Einsichten gelangen. Zuvor stand sie schon beim Jungen Theater Thurgau auf der Bühne. Oder dann stellt Carole Isler malerisch nicht die Bühne zur Schau, sondern den leeren Publikumsraum.

Inspiration für ihr Werk

Carole Isler ging im Alter von 23 Jahren nach Argentinien. Im gleichen Alter wanderte ihre Grosstante dorthin aus. Sie trafen sich. Und dann war der 22. Juli 2014, nachts um 3.30 Uhr: Der Busunfall in Bolivien. «Der Unfall war mir Inspiration», sagt Carole Isler. Vier Menschen kamen beim Unglück ums Leben. Sie sei im Bus eingeschlafen und danach erst im Spital aufgewacht – und war um Haaresbreite an einem Bruch eines oberen Halswirbels vorbeigekommen. Aus der Verarbeitung des Unfalls sind impulsive Bilder entstanden, die aber gleichwohl noch präzis sind, etwa der umgekippte Bus oder das grosse Selbstporträt, das Isler mit Infusionsbeutel zeigt. Der Tropfhalter auf Rollen habe für sie etwas von einem Zepter. Denn eine Königin nimmt auch ein derartiges Unglück mit edler Gleichmut hin.

«El escenario», Carole Isler. Vernissage: heute 19 Uhr, Einführung durch Milena Oehy, musikalische Umrahmung von Delmore Project. Ausstellung bis 27. September. Do 16 bis 20 Uhr, Sa/So 10 bis 16 Uhr. Stadtgalerie Baliere, Am Kreuzplatz