Schatten für Sultan und Sarkozy

Die Frauenfelder Glatz AG ist die grösste Herstellerin von Sonnenschirmen in Westeuropa. Sie produziert keine Massenware, sondern stellt Sonnenschirme für den individuellen Bedarf her sowie eine Auswahl an Designermodellen. Das Unternehmen besitzt mehrere Patente.

Inge Staub
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Gut gelaunt: Geschäftsführer Markus Glatz (rechts) lässt sich von Mitarbeiter Shabo Schabo einen zugeschnittenen Sonnenschirmstoff zeigen. (Bild: Reto Martin)

Gut gelaunt: Geschäftsführer Markus Glatz (rechts) lässt sich von Mitarbeiter Shabo Schabo einen zugeschnittenen Sonnenschirmstoff zeigen. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Die Queen von England hat einen, ebenso der Sultan von Brunei und der Prinz von Saudi Arabien – einen Sonnenschirm aus Frauenfeld. Auch Nicolas Sarkozy, Arnold Schwarzenegger, Tina Turner und Gerard Depardieu gehören zu den Kunden des Sonnenschirm-Herstellers Glatz. Das Familienunternehmen stellt seit 1895 Sonnenschirme her. «Mein Urgrossvater hat die Firma gegründet», erzählt Geschäftsführer Markus Glatz. Er zeigt ein Foto, das seine Urgrossmutter an der Nähmaschine zeigt: «Es haben immer auch die Frauen mitgearbeitet.»

Seine rund 80 Mitarbeiter reden ihn mit Markus an. In der Produktionshalle in der Neuhofstrasse stapeln sich orangefarbene, gelbe, rote, weisse und blaue Stoffe. Rollen mit Nähgarn in allen Farben sind aufgetürmt. An den Nähmaschinen lassen Näherinnen flink die Nadel den Stoff entlang rattern. Einer der Mitarbeiter zieht einen blauen Stoff über ein zwei Meter hohes Gestänge. Senior-Chef Dölf Glatz schaut, ob der Stoff richtig sitzt. Der 85-Jährige ist noch immer in der Entwicklung beschäftigt.

Seitenmast erfunden

«Wir setzen auf Innovation. Wir wollen weiterhin führend sein. Jedes Jahr bringen wir neue Produkte auf den Markt», sagt Markus Glatz. Das Familien-Unternehmen ist der grösste Sonnenschirmhersteller Westeuropas. Zehn Patente besitzt die Firma. Stolz erzählt der Geschäftsführer: «Mein Grossvater hat den ersten Schirm hergestellt, der in der Mitte geknickt werden kann.» Auch der erste Schirm mit Seitenmast kommt aus Frauenfeld. «Wir legen Wert auf erstklassige Funktionalität, unterstützt durch Design und Qualität», hebt Glatz hervor. Beratung und Service gehören auch dazu. Massenware gibt es in Frauenfeld nicht. Denn Glatz stellt vor allem individuelle Schirme her. Der Geschäftsführer betont, dass man in seiner Firma nicht einfach nur einen Schirm kaufe. «Unsere Kunden haben ein Beschattungsproblem. Wir lösen es.»

Individuelle Lösung

Techniker messen Terrasse oder Gartensitzplatz aus, präsentieren Stoffe, machen Vorschläge. «Innerhalb von drei Wochen liefern wir den gewünschten Schirm in der gewählten Farbe.» Neben einer Einzelfertigung nach Wunsch bietet das Unternehmen eine breite Auswahl an Design-Modellen in Standard- oder Übergrössen.

Seit den 70er-Jahren stellt die Glatz AG grössere Schirme her. Denn ab dieser Zeit wurden Terrasse und Balkon zum zweiten Wohnzimmer der Menschen in Europa. Gefragt sind heute nicht nur Schirme, die Schatten spenden, sondern auch solche, die vor gefährlichen UV-Strahlen schützen. «Auch die Ergonomie ist wichtig», sagt Markus Glatz.

«Unsere Kunden verlangen heute Sonnenschirme, die einfach zu bedienen sind.» Die Produkte halten auch kräftigen Böen stand. Die Firma testet ihre Schirme im Windkanal, meistens bei Porsche in Stuttgart. Die Kunden sind Prominente oder Gastronomen. Private erhalten Glatz-Schirme über den Fachhandel, der mit den rund 100 vorrätigen Stoffmustern ausgestattet wird.

Markus Glatz ist stolz, «dass es uns noch gibt». Wie anderen Industriebetrieben weht auch der Firma Glatz ein rauher Wind entgegen. Der starke Franken, Billigware aus Fernost und Handelshemmnisse erschweren das Bestehen, zumal 70 Prozent der Waren in den Export geht. Und in diesem Jahr drückt zudem das Wetter die Marge. «Wir sind gut in die Saison gestartet», sagt der Geschäftsführer. Doch mit der Regenperiode sei das Geschäft in der Schweiz und Deutschland eingebrochen. Die beiden Länder sind mit 40 und 30 Prozent die grössten Märkte des Unternehmens.

Joint Venture in Taiwan

Die Glatz AG ist inzwischen weltweit tätig. Eine Tochterfirma in Lyon beliefert den französischen Markt. Joint Ventures mit Unternehmen in Brasilien und Taiwan sichern den Absatz in Südamerika und Asien. Geschäftsführer Markus Glatz will trotz des schwierigen wirtschaftlichen und «industriefeindlichen Umfelds» weiterhin in der Schweiz produzieren. «Wir halten am Standort Frauenfeld fest.» Er betont: «Ich bin Schweizer, weshalb sollte ich meine Fabrik nach Deutschland oder Osteuropa verlegen?»