SBB ärgern den Gewerbeverband

Der tiefe Eurokurs: Die SBB fahren mit Extrawagen am Thurgauer Gewerbe vorbei ins günstige Konstanz. Dagegen protestiert der Gewerbeverband. Welche langfristigen Auswirkungen die aktuelle Krise haben wird, bleibt ungewiss.

Silvan Meile
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Hansjörg Brunner Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands (Bild: Nana do Carmo)

Hansjörg Brunner Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Die Stimmung ist schlecht. Der starke Franken macht dem Thurgauer Gewerbeverband nach dem Wegfall des Euro-Mindestkurses durch den Entscheid der Nationalbank von vergangener Woche zu schaffen. Davon sind die Betriebe in Grenznähe besonders betroffen. Als einen grossen Affront erachtet der Verband deshalb eine Aktion der SBB. Diese verstärkten am Samstag ihre Züge nach Konstanz mit mehreren Extrawagen, um die befürchteten Massen an Einkaufstouristen in die Grenzstadt befördern zu können.

Verband schreibt an die SBB

«Mit subventionierten Extrawagen animieren die SBB zum Shopping-Ausflug nach Konstanz», ärgert sich Hansjörg Brunner, Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands. Das einheimische Gewerbe sehen die Einkaufstouristen auf dem Weg ins billige Euroland aus ihrem Zugabteil nur vorbeisausen. «Das tut weh», sagt Brunner in der Pause einer Vorstandssitzung. Auch in dieser standen gestern der starke Franken und seine Auswirkungen auf der Traktandenliste. Die aktuell schwierige Situation werde besprochen. Zuerst werde der Gewerbeverband nun in einer Mitteilung an die SBB seinen Ärger über die Extrawagen nach Konstanz kundtun, sagt Brunner.

Der Schock sitzt tief

Doch die Probleme gründen weit tiefer als der Affront der SBB. «Die Unsicherheit dominiert», sagt Brunner. Viele Verbandsmitglieder hätten in den vergangenen Tagen ihre Ängste formuliert. Er habe von Firmen gehört, die sofort alle grösseren Investitionen von heute auf morgen zurückstellten. Auch solche Massnahmen wird das Thurgauer Gewerbe zu spüren bekommen. «Wir diskutieren Massnahmen gegen die aktuelle Situation», sagt Brunner. Auch Themen wie längere Arbeitszeiten oder Lohnsenkungen würden derzeit wohl in Betrieben zur Sprache kommen. Der Himmel über dem Thurgauer Gewerbe sei stark bewölkt.

Der Schock des Entscheids der Nationalbank sitzt noch tief, die längerfristigen Auswirkungen bleiben ungewiss. «Es trifft das Gewerbe in der Phase der Jahresplanung», sagt Brunner. Das geschehe zu einem nun wirklich unglücklichen Zeitpunkt.

Keine überhastete Reaktion

«Der Zeitpunkt ist immer ungünstig», sagt etwa Lucas Baumann, Leiter Marketing und Kommunikation des Kreuzlinger Pflegeprodukte-Herstellers Rausch. Doch dieser Schritt der Nationalbank sei absehbar gewesen.

Rausch produziert ausschliesslich in der Schweiz, auch die Kräuter kommen von hier. Die Produktionskosten fallen somit ausschliesslich in Schweizer Franken an. «Wir werden jedoch wegen des aktuell starken Frankens weder in Panik verfallen noch überhastet darauf reagieren», sagt Baumann. Stattdessen schaue er zuversichtlich in die Zukunft. Die Situation werde sich bald einpendeln. «Erst dann wird sich zeigen, ob Massnahmen getroffen werden müssen», so Baumann.

Gewerkschaftsbund beobachtet

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses ist auch beim Thurgauer Gewerkschaftsbund ein Thema: «Wir spüren, dass die Leute verunsichert sind», sagt Präsidentin Edith Graf-Litscher: «Sie fragen sich, welche Auswirkungen die aktuellen Geschehnisse auf ihren Arbeitsplatz und ihren Lohn haben.»

Am kommenden Mittwoch treffe sich der Vorstand des Gewerkschaftsbundes für eine Sitzung. Zentrales Thema wird der starke Franken und seine Folgen auf die Arbeitsplätze im Thurgau sein. Dabei werde zur Sprache kommen, welche Signale in den Betrieben bereits ausgesendet werden, sagt Graf-Litscher. Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Verlängerungen der Arbeitszeiten bei gleichbleibendem Salär oder drohende Lohnreduktionen dürften die drastischsten Einschnitte sein, die längerfristig von Betrieben ins Auge gefasst werden könnten.

Noch sind dem Gewerkschaftsbund aber keine solche einschneidenden Massnahmen bekannt. «Wir werden die Situation sehr wachsam beobachten», sagt Edith Graf-Litscher.

Edith Graf-Litscher Präsidentin des Thurgauer Gewerkschaftsbundes (Bild: Nana do Carmo)

Edith Graf-Litscher Präsidentin des Thurgauer Gewerkschaftsbundes (Bild: Nana do Carmo)

Seit Samstag bekommen Schweizer Einkaufstouristen in Konstanz noch mehr für ihr Geld. (Bild: Donato Caspari)

Seit Samstag bekommen Schweizer Einkaufstouristen in Konstanz noch mehr für ihr Geld. (Bild: Donato Caspari)

Lucas Baumann Leiter Marketing und Kommunikation Rausch AG Kreuzlingen (Bild: pd)

Lucas Baumann Leiter Marketing und Kommunikation Rausch AG Kreuzlingen (Bild: pd)