Saufen, rauchen, blödeln vor Gott

In Stettfurt wird die evangelische Kirche in Zukunft nachts geschlossen, nachdem sie wiederholt verwüstet worden ist. In Kreuzlingen wurden Rosenkränze von Gräbern gestohlen. In Weinfelden hat die Securitas ein Auge auf das Gotteshaus.

Ida Sandl
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Bruno Winkler, Präsident der Kirchenvorsteherschaft, in der evangelischen Kirche Stettfurt. (Bild: Olivia Hug)

Bruno Winkler, Präsident der Kirchenvorsteherschaft, in der evangelischen Kirche Stettfurt. (Bild: Olivia Hug)

Am Karfreitag war das Mass voll: Als Patrizia Hug, die Messmerin von Stettfurt, in die Kirche kam, traf sie fast der Schlag. Sie wollte den Gottesdienst vorbereiten. Doch auf dem Boden lagen Zigarettenstummel, Bierdosen, eine leere Wodkaflasche, Präservative. Die Sitzkissen waren herausgerissen, und auf den Bänken lagen Guezlikrümel. Patrizia Hug musste Hilfe holen, damit die Kirche noch rechtzeitig sauber wurde.

Bruno Winkler ist der Kirchenpräsident von Stettfurt. Er versteht, dass man sich in der Kirche trifft, wenn es draussen kalt ist und regnet. Die Kirche als Ort der Begegnung – das gefällt ihm sogar. Fast ein Jahr lang hat die Kirchenbehörde die Situation beobachtet. Etwa zehnmal fand sie Spuren, die auf Saufgelage hindeuteten. Einmal seien Gesangbücher auf dem Vorplatz angezündet worden.

Alkohol ist im Spiel

«Wir haben auch abgebrannte Kerzen gefunden», sagt Winkler. Seine grosse Angst ist, dass aus Versehen ein Feuer in der Kirche entfacht wird. Was dann passiert, mag sich Winkler gar nicht ausdenken. Die reich verzierte Kanzel, die alten Holzbänke – allein die Orgel ist 300 000 Franken wert. «Wenn Alkohol im Spiel ist, wird es gefährlich», sagt Winkler.

Ganz schliessen möchten die Stettfurter ihre Kirche aber nicht. Schon wegen der Menschen, die von auswärts kommen, um das Grab ihrer Familie zu besuchen. Die würden gerne ein wenig in der Kirche verweilen, vor allem bei schlechtem Wetter. Die Kirchenvorsteherschaft will jetzt einen Mechanismus einbauen lassen, der die Tür abends automatisch schliesst. Dann wäre die Kirche nachts zu, und tagsüber könnte sie offen bleiben. Ein Kompromiss, mit dem man leben kann, meint Winkler.

«99 Prozent aller Kirchen im Thurgau sind nachts zu», sagt Benno Müller, Präsident der Messmervereinigung Thurgau. Aber auch tagsüber sind die Gotteshäuser vor Dieben und Vandalen nicht sicher. Müller ist Messmer in St. Ulrich in Kreuzlingen. Vor einer Woche seien fast alle Rosenkränze von den Gräbern gestohlen worden. Ein paar Wochen vorher hatte Müller zwei Männer überrascht, die den Opferstock aufbrechen wollten. Mehrmals habe jemand ins Weihwasser uriniert. «Schade», sagt Müller und zuckt mit den Schultern. «Vor der Kirche sollte man doch Respekt haben.» Und in einem Gotteshaus wohl auch.

Bücher angezündet

«Die Kirche wird nicht mehr als sakraler Raum wahrgenommen», beobachtet Helmut Wiegisser, der evangelische Kirchenpräsident von Weinfelden. Vor drei Jahren gab es in Weinfelden Probleme mit Vandalen. Seitdem patrouillieren die Securitas-Mitarbeiter, die für die Gemeinde und die Schulen zuständig sind, auch am eindrucksvollen Gotteshaus vorbei. Es sei besser geworden, sagt Wiegisser. Es passiere aber immer mal wieder etwas. Gesangbücher wurden angezündet, Zigaretten auf den Jugendstil-Bänken ausgedrückt, und sogar ein Kreuz ist verschwunden.

Von Videoüberwachung hält Wiegisser nichts. «Das passt nicht zur Kirche, die ein Ort der Begegnung sein soll.» Wachsame Augen könnten aber helfen. Er sei selber schon auf Jugendliche zugegangen und habe sie gebeten, doch bitte aufzuräumen. «Meist reagieren sie sehr einsichtig.» Wenn alle mehr Verantwortung übernehmen würden, liesse sich manches verhindern, ist Wiegisser überzeugt.

Das deckt sich mit den Erfahrungen der Frauenfelder Kirchen. Tagsüber sei meistens der Messmer oder jemand anders in der Nähe, sagt Gabriel Müller, bei der katholischen Kirchenvorsteherschaft für die Liegenschaften zuständig. «Darum haben wir keine Probleme.»

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