Ruhe für das Vieh ist geboten

In der TZ von 1917

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Frauenfeld. Eine Frau schreibt uns anonym Folgendes: «Wollten Sie nicht einmal etwas in die Zeitung schreiben über eine Tierquälerei, der ich nun schon jahrelang zusah. Da sieht man jeden Sonntag eine Anzahl Breaks über Land fahren. Ein Pferd und auf dem Wagen oft sage und schreibe acht Personen. Wundert man sich da, wenn das Pferd auf der Heimfahrt am Zusammenbrechen ist? Ich habe schon Tränen darüber vergossen…»

Schaffige Pferde für Lustfahrten

Die brave Frau erinnert an das Gebot: «Gedenke des Sabattages… da sollst du kein Werk tun weder du… noch dein Vieh…» Man weiss ja, dass es Ausnahmefälle gibt; aber zur Übertretung des Ruhegebotes gehört gewiss auch dies, dass wir die Pferde in solcher Weise zu Lustfahrten verwenden, zumal im Frühjahr, wo die Tiere ohnehin schwer schaffen müssen, und zudem noch in gegenwärtiger Zeit, da die Pferde sonst, zur dringendsten Arbeit sogar, rar sind. Ruhe für das liebe Vieh ist uraltes Menschengebot, wenn man denn nicht mehr weiss, dass es Christenpflicht ist.

Überhaupt ist es ein Zeichen von Armseligkeit, wenn man meint, in die Weite fahren zu müssen, wo jedes Heimwesen jetzt wieder wie vom Paradies umgeben und darinnen wie geborgen ist, verborgen im Grün.

Ist’s nicht auch zu Hause möglich zu erfahren, was der Prediger Salomo empfunden hat: «Das Auge sieht sich nimmer satt und das Ohr höret sich nimmer müde.» Es ist aber zu befürchten: «Wenn der Mensch nicht von Jugend auf Freude am Einfachen besitzt, kann ihn auch das Schicksal nicht zur Natur zurückführen. Die Not der Zeit wird ein junges Geschlecht wieder einfacher und natürlicher empfinden lehren und vor Überspannung der Tiere und Überspanntheit der Menschen bewahren.

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