Rothirschen den Puls fühlen

Seit wenigen Jahren sind im Winter in der Werdenberger Rheinebene sogar tagsüber grosse Rothirschrudel zu beobachten. Ein Forschungsprojekt sucht nach Antworten zum Phänomen der «Rheintaler Winterhirsche».

Hansruedi Wieser
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Ein Hirschrudel überquert am 19. Januar 2012 die Staatsstrasse beim nördlichen Ortsausgang von Grabs. (Bild: pd)

Ein Hirschrudel überquert am 19. Januar 2012 die Staatsstrasse beim nördlichen Ortsausgang von Grabs. (Bild: pd)

SENNWALD. Seit im vergangenen Januar ein YouTube-Video ein Rothirschrudel beim Überqueren einer Hauptstrasse publik machte, sind die «Rheintaler Winterhirsche» national bekannt. Generell im Südteil des Kantons St. Gallen hat die Rotwildpopulation überdurchschnittlich stark zugenommen. Fragen, die sich aufdrängen, sind jene nach dem Wanderverhalten im Verlauf des Jahres sowie der Nutzung des Nahrungsangebotes im Lebensraum und mit welchen allfälligen Massnahmen man Schäden im Wald und an landwirtschaftlichen Kulturen vermindern kann.

Am Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen LZSG in Salez wurde das Projekt «Rothirsch in der Ostschweiz» von Dominik Thiel, Leiter Amt für Natur, Jagd und Fischerei, vorgestellt. Die Projektleitung liegt bei der Abteilung Wildtiermanagement Wilma der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil.

Telemetrie-System im Einsatz

Versucht wird über die nächsten vier Jahre, Grundlagen für den Umgang mit dem Rothirsch und eine effiziente Jagdplanung zu beschaffen. Das Projekt startet noch in diesem Herbst und nutzt die modernste Technik. Zuerst werden an ausgewählten Orten ungefähr 30 Rothirsche im Winterlebensraum gefangen und mit einem neuartigen Telemetrie-System ausgestattet. Damit soll die Raumnutzung dieser mit einem GPS-GSM-Sender ausgestatteten Tiere verfolgt werden. «Die Daten werden uns via SMS direkt ins Büro übermittelt», sagte Claudio Signer von der Gruppe Wildtiermanagement. Mit einer Pansensonde werden die Herzschlagrate als wichtigste stoffwechselphysiologische Kenngrösse sowie die Körpertemperatur gemessen.

Die Pansensonden sind sieben bis acht Zentimeter lang, haben einen Durchmesser von zwei Zentimetern und sind hundert Gramm schwer, damit sie beim Wiederkäuen im Magen bleiben. Der Sender im Pansen übermittelt seine Daten via einen Speicher in einem Halsband und von da in Form einer SMS. Aktivitätssensoren im Halsband zeichnen die Bewegungsaktivität der Tiere permanent auf. Die Abspeicherung sämtlicher Daten erfolgt im Halsband. Mit VHF-Peilantenne können die Tiere auch vor Ort angepeilt werden.

Rotwild in der Ebene halten

Jagdobmann Niklaus Hardegger von der Jagdgesellschaft Sennwald-Süd zeigte auf, dass der Aufenthalt von Rothirschen im Winter in der Ebene eine lange Tradition hat. «Die Zurückdrängung in die höheren Waldzonen erfolgte erst vor etwa hundert Jahren», sagte er. Im Rahmen des Forschungsprojektes versucht man das Rotwild auch tagsüber in der Ebene zu halten, um Verbissschäden im Wald zu minimieren. Prädestiniert für diesen Versuch ist sicher das Areal der Strafanstalt Saxerriet, für deren weitläufiges Gelände ein Betretungsverbot gilt. Man will auch weitere Bauern zum Mitmachen gewinnen und strebt eine Besucherlenkung an.