Römische Fluchtafeln in Kempraten gefunden

Das Römische Reich erstreckte sich einst bis Rapperswil. Und auch dort ging es höchst menschlich zu und her. Ein schöner Beleg sind drei Fluchtäfelchen, gefunden 2009.

Peter Müller
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Das am besten erhaltene Fluchtäfelchen aus dem römischen Kempraten – Psychohygiene in der Kaiserzeit. (Bild: pd)

Das am besten erhaltene Fluchtäfelchen aus dem römischen Kempraten – Psychohygiene in der Kaiserzeit. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Gehört hatte man von diesen Bleitäfelchen schon ab und zu. Nun wurden sie letzte Woche erstmals einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Eingeladen hatten der Historische Verein des Kantons St. Gallen und der Lateinische Kulturmonat St. Gallen (IXber). Einigermassen vollständig erhalten ist nur eines der drei Täfelchen, mit den Massen zehn mal zehn mal 0,2 Zentimeter, und auch seine Lektüre stellt die Fachleute vor ziemliche Schwierigkeiten.

Magna Mater am Zürichsee

Heinz Lieb, einer der beigezogenen Experten, schilderte diese anschaulich. Da wird buchstäblich über jeden Buchstaben diskutiert. Die Lesung und Übersetzung, die der Epigraphiker aus Schaffhausen präsentierte, sind deshalb nur vorläufig. Der Text richtet sich an die Magna Mater, die grosse Muttergöttin aus Kleinasien. Ihr Kult war im ganzen Römischen Reich verbreitet, die Verehrung in einem Städtchen wie Kempraten ist allerdings überraschend. Die Zeilen handeln von einem Einbruch und Diebstahl. Täter und Mitwisser «sollen so im Dreck liegen, wie dieser Brief im Dreck liegen wird» – im Original: «Sic iaceat in micto quemadmodum haec epistula iacitura est.» Auch auf dem zweiten Fluchtäfelchen wird die Magna Mater angerufen – diesmal, um den Dieb eines Mantels zu bestrafen. Das dritte Bleitäfelchen ist zusammengefaltet und deshalb noch unlesbar und wird es vermutlich für immer bleiben.

Für die Psychohygiene

Solche Fluchtäfelchen mit Verwünschungen und Zaubersprüchen waren in der griechisch-römischen Antike weit verbreitet. In ihren Texten wurden vielfach Götter und Dämonen angerufen. Ein klassisches Beispiel bieten Liebesprobleme: «Mach, dass sie mich liebt» beziehungsweise «Mach, dass mein Rivale stirbt». Zum Funktionieren und zur Popularität dieser Täfelchen liesse sich mancherlei sagen. Eine Erklärung liegt auf der Hand: Die Täfelchen dienten der Psychohygiene. Wenn man eines vergraben hatte, fühlte man sich besser. Gefunden worden sind die drei Täfelchen 2009 in der Seewiese in Kempraten/Rapperswil-Jona. Dort war die Kantonsarchäologie auf die Überreste eines gallorömischen Tempelbezirks gestossen.

Die Anlage, um 100 nach Christus errichtet und bis ins 4. Jahrhundert benutzt, bildete ein ummauertes Areal von 900 Quadratmetern. In dessen Nordhälfte standen zwei gallorömische Umgangstempel. Auf dem zentralen Platz vor den beiden Tempeln befand sich ein Altar, der für Brandopfer genutzt wurde. Weiter gehörten kleinere Pfostenbauten und Gruben zum Tempelbezirk. Gefunden haben die Archäologen auch eine grosse Masse an Keramik-, Knochen- und Botanikfunden. Ihre Auswertung ist im Gang. Erste Untersuchungen an Stichproben versprechen neue Erkenntnisse zu Opfer- und Kulthandlungen in römischer Zeit.

Das Fazit von Ausgrabungsleiter Pirmin Koch: «Bei diesem Tempelbezirk handelt es sich bisher um das einzige sicher nachgewiesene Heiligtum der grossen Römersiedlung am Zürichsee. Auch für den ganzen Kanton ist diese Fundstelle einzigartig.