Rickenbach will Autobahn als Hochwasserschutz

RICKENBACH. Die Kantone Thurgau und St.Gallen haben ein Vorprojekt fast fertig, das die Autobahn A1 bei Wil vor einer Überschwemmung geschützt hätte. Die Thurgauer Gemeinde Rickenbach wehrt sich dagegen. Sie befürchtet, statt der Autobahn werde sie selber überflutet.

Thomas Wunderlin
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Der Krebsbach spült die Böschung neben der Autobahn bei Wil weg und lagert das Geschiebe auf der Fahrbahn ab. (Bild: pd/Kapo SG)

Der Krebsbach spült die Böschung neben der Autobahn bei Wil weg und lagert das Geschiebe auf der Fahrbahn ab. (Bild: pd/Kapo SG)

Der Krebsbach, normalerweise ein munteres Wässerchen, fliesst von Rossrüti her durch die Stadt Wil. Danach unterquert er die Autobahn A1 von Norden her durch einen Stollen, einen sogenannten Düker, der nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren funktioniert. Auf dem Gebiet der Thurgauer Gemeinde Rickenbach taucht er wieder ans Tageslicht auf. Nach einigen hundert Metern vereinigt er sich mit zwei Bächen, die von Wilen und Kirchberg herkommen, um nochmals zwei Kilometer weiter in die Thur zu münden.

Die Wassermassen vom Sonntagabend überlasteten den Düker. Der Krebsbach ergoss sich auf die Autobahn. Er unterspülte die Böschung, legte Stromleitungen frei und lagerte 250 Kubikmeter Geröll auf der Fahrspur Richtung Zürich ab. Autos blieben stecken. Die Kantonspolizei St. Gallen musste die A1 einseitig sperren. Noch am andern Morgen war nur eine Fahrspur frei.

Vorprojekt bis im Sommer

Die Wasserbauämter der Kantone Thurgau und St. Gallen verwerten zurzeit die Vernehmlassung eines 28 Millionen Franken teuren Projekts, das die Gemeinden Wil, Rickenbach und Wilen vor Hochwasser schützen soll. Bis im Sommer soll das Vorprojekt fertig sein. Der Krebsbach soll einen zweiten Düker unter der A1 bekommen. Die Autobahn wäre nicht überflutet worden, wenn das Projekt bereits umgesetzt wäre, sagt Klemens Müller, Projektleiter in der Thurgauer Abteilung für Wasserbau.

Hingegen hätte die Gemeinde Rickenbach mehr Hochwasserschäden als die zwei überfluteten Keller bekommen, die am Sonntag registriert worden sind. Jedenfalls ist Gemeindepräsident Ivan Knobel dieser Meinung und lehnt deshalb das Hochwasserschutzprojekt ab. Falls die Regierungsräte der beiden Kantone nicht auf die Einwände der Gemeinde Rickenbach eingehen, kündigt er Widerstand an. Gemäss Wasserbaugesetz könne er beim Bundesrat Rekurs einlegen, allenfalls beim Bundesgericht. Bereits im März hat der Gemeinderat entschieden, dass Rickenbach seinen Kostenanteil von drei Millionen Franken nicht übernimmt. Das Hochwasser vom Sonntag hat Knobel bestärkt: «Das Projekt erhöht das Gefahrenpotenzial in Rickenbach. Die Autobahn ist die perfekte Entlastung.» Die Schäden durch die Autobahnüberflutung wiegen nach seiner Ansicht nicht die 30 Millionen Franken Projektkosten auf.

Als Alternative könnte sich Knobel einen Entlastungskanal des Krebsbachs entlang der Nordseite der Autobahn vorstellen. Wegen des nahen Siedlungsgebiets müsste er unterirdisch verlaufen, wodurch die Kosten auf 40 Millionen Franken stiegen. Der Bund wehrt sich laut Knobel dagegen, da er keine neuen unterirdischen Kanäle mehr bauen wolle.

Auch Wilen wird geschützt

Projektleiter Müller von der Abteilung Wasserbau bestreitet, dass das Gefahrenpotenzial in Rickenbach erhöht würde. Das Hochwasser vom Sonntag «wäre schadlos durch Rickenbach gelaufen». Auch der Alpbach bringe gemäss Schutzprojekt mehr Wasser von Wilen nach Rickenbach. Um Wilen zu schützen, gebe es keine andere Lösung. «Die ganze Region ist stark verbaut», sagt Müller, «da kann man nicht viel machen.» Deswegen seien auch in Rickenbach Schutzmassnahmen geplant.

Rickenbach könne ans Verwaltungsgericht und ans Bundesverwaltungsgericht appellieren, stellt Müller klar. Der Bundesrat komme nur ins Spiel, wenn sich die Kantone nicht untereinander einigen könnten. Das werde aber nicht geschehen: «Es geht nur miteinander, nicht gegeneinander.»

Ivan Knobel Gemeindepräsident von Rickenbach (Bild: pd)

Ivan Knobel Gemeindepräsident von Rickenbach (Bild: pd)