RHEIN: Der versunkene Zeitungsautomat

Alljährlich bei niedrigem Wasserstand ist der Flussabschnitt bei Stein Schauplatz einer aufwendigen Rhy-Putzete mit wundersamen Funden. So auch am vergangenen Samstag - wobei der Schnee nicht eingeplant war.
Ernst Hunkeler
Taucher der Rhy-Putzete begutachten einen verschlammten Zeitungsautomaten, den sie im Rhein gefunden haben. (Bild: Ernst Hunkeler)

Taucher der Rhy-Putzete begutachten einen verschlammten Zeitungsautomaten, den sie im Rhein gefunden haben. (Bild: Ernst Hunkeler)

Ernst Hunkeler

unterseerhein@thurgauerzeitung.ch

Sie hat eine langjährige Tradition, die Rhy-Putzete. Der Fischerverein Stein am Rhein organisiert jeweils die Aktion, die lokale SLRG-Tauchergruppe, Froschmannen und -damen aus Lindau sowie der örtliche Bootsclub helfen mit. Doch dieses Jahr allerdings schneite es ausgerechnet in der Nacht auf vergangenen Samstag, auf den der Einsatz anberaumt war, eine weisse Rekordmenge vom Himmel.

Will heissen: Das Sextett, das sich morgens um 9 Uhr beim Strandbad um den Vereinspräsidenten Rolf Haltiner (Eschenz) versammelte, war zwar bereit, die Ufer zwischen Öhninger Landesgrenze und Bibermühle abzulaufen und die Überreste des vergangenen Sommers abzugreifen. Doch auch die beste Motivation kam nicht gegen den Schnee an. Also blieben die üblicherweise in diesem Abschnitt gesammelten Dosen und Flaschen vorerst unter der Schneedecke liegen, das soll aber im April nachgeholt werden.

Luft null Grad, Wasser drei Grad kalt

Weder vom Schnee noch von knapp null Grad Luft- und drei Grad Wassertemperatur liess sich dagegen die Tauchermannschaft samt Unterstützerteam aufhalten. Froschmänner der SLRG-Sektion Stein, traditionsgemäss verstärkt durch ein Team der Lindauer Tauchschule von Florian Batz, wurden in zwei Gruppen von je einer neoprenverpackten Dame und zwei Herren mit Motorbooten von der Schifflände bis in die Gewässer unterhalb der Inseln Werd gefahren. Dort gingen die Froschleute von Bord und gründelten dem in rund sechs Meter Tiefe liegenden Rheingrund entlang. Unterwegs sammelten sie auf, was nicht hingehörte und reichten den Schrott in die Boote: Armierungseisen, Autopneus, den Mechanismus einer alten Ladenkasse, ein vom Auge her noch einwandfrei wirkendes Velo – alles dick mit Muscheln überzogen, die sich im Lauf der Unterwasserzeit angehaftet hatten.

Dass diesmal nur ein einzelnes Velo hochgefischt wurde, während in früheren Jahren eine halbe Tour de Suisse hätte ausgerüstet werden können, lässt auf ein gewisses Mass an Besinnung hoffen. Offenbar werden in Stein und der Thurgauer Nachbarschaft tatsächlich weniger Velos geklaut und dann von der Rheinbrücke geschmissen. Die minimale Ausbeute dürfte auf jeden Fall nicht darauf zurückzuführen sein, dass die Taucher etwas übersehen hätten, denn die Sicht war – wie im kalten Wasser des winterlich verkehrsarmen Rheins üblich – kristallklar. Und dann war da noch die Geschichte mit dem Zeitungskasten, der vor vielen, vielen Jahren – über den genauen Zeitpunkt wurde man sich am Samstag nicht einig – vor einem Kiosk an der Steiner Charregass von Nachtbubenhand entführt und mutmasslich in den Rhein geschmissen wurde.

Wie Nessie in den Fluten von Loch Ness

Bei jeder Rhy-Putzete des vergangenen Jahrzehnts wollten Taucher den Zeitungsautomaten mit den rot-weissen Lettern vor der Maske gehabt haben. Die Froschleute behaupteten und glaubten es wohl auch, die Zuhörer über Wasser mussten es glauben, doch der Beweis blieb ebenso in den Fluten wie in Schottland die Nessie. Bis am vergangenen Samstag.

Während die Taucher sich rotgefrorene Nasen und die Helfer am Land und in den Booten blaugefrorene Hände holten, war die Landtruppe, die ihren Einsatz auf den April verschoben hatte, gastronomisch tätig: sie sorgte in der Hütte der Steiner Fischer, die in einem Uferabschnitt namens «I de Hose» steht, für ein währschaftes Mittagessen vom Feuer und aus der Flasche.

Vier Mann für 80 Kilo

Die Fischer und Taucher bargen früher schon spannende Dinge, von denen man sich wünschte, sie könnten ihre Geschichte erzählen. "Velos en masse", Einbruchswerkzeug und einmal soll es sogar ein Tresor gewesen sein. Das Gerücht um einen Zeitungsautomaten hielt sich hartnäckig, konnte aber nie verifiziert werden. Bis jetzt: Die Taucher orteten den noch vollen Kasten und bargen ihn mittels eines Hebesacks. Im Hafen waren dann vier Mann nötig, um das 80-Kilo-Ding die Rampe hoch zum Recycling-Container zu schleppen. (hun)

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