Rettungspaket für Thurgauer Bank

Die drittgrösste Hypothekenbank der Schweiz war eine Thurgauer Bank. 1914 wurde sie übernommen, was wohl ihren Konkurs abwendete. Der Weinfelder Historiker Willi Loepfe hat für den Historischen Verein des Kantons Thurgau ihre Geschichte aufgeschrieben.

Caspar Hesse
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«Ein Konkurs hätte eine Kettenreaktion in der Ostschweiz ausgelöst»: Historiker Willi Loepfe und sein Buch über die Geschichte der Thurgauischen Hypothekenbank. (Bild: Caspar Hesse)

«Ein Konkurs hätte eine Kettenreaktion in der Ostschweiz ausgelöst»: Historiker Willi Loepfe und sein Buch über die Geschichte der Thurgauischen Hypothekenbank. (Bild: Caspar Hesse)

Herr Loepfe, die Thurgauische Hypothekenbank war 1911 die drittgrösste Hypothekenbank der Schweiz. 1914 kam dann das Aus. Hat ihr der 1. Weltkrieg den Garaus gemacht?

Willi Loepfe: Nein, keineswegs. das Schlusskapitel der Bank wurde Anfang 1914 geschrieben, der Weltkrieg brach erst im Sommer aus.

Aber waren es allenfalls Vorahnungen oder Vorauswirkungen des Krieges, die zum Untergang führten?

Loepfe: Die Probleme begannen schon früher. In den 1890er-Jahren expandierte die Thurgauische Hypothekenbank nach Zürich. Dort fand ein Riesenboom statt, vergleichbar nur mit der Situation in den 1960er-Jahren. Der Boom fand hauptsächlich im Liegenschaftenbereich statt. Es war eine klassische Liegenschaftenblase, die um 1900 platzte.

Dann überlebte die Bank noch weitere 14 Jahre.

Loepfe: Ja, aber man hatte sich auch mit Engagements in Deutschland übernommen. 1912 musste ein erstes Rettungspaket geschnürt werden, ein Stand-by-Kredit. Die Bank war systemrelevant geworden, um einen modernen Begriff zu werden. Wenn sie in Konkurs gegangen wäre, hätte das eine Kettenreaktion in der Ostschweiz ausgelöst. Auch die Toggenburger Bank zum Beispiel war gross.

Warum hat es schliesslich doch nicht geklappt?

Loepfe: Der Konsortialkredit von Nationalbank, der beiden Grossbanken Kreditanstalt und Bankverein und einiger Kantonalbanken, darunter auch die Thurgauer, hat funktioniert. Er hat verhindert, dass die Krise der Bank auf andere Institute übergriff. Es gab keinen Run auf Banken. Die Nationalbank war erst 1907 gegründet worden. Das war ihre erste grössere Intervention. Notabene ohne Einsatz der Politik, weder vom Bundesrat noch vom Thurgauer Regierungsrat. In den Statuten der Thurgauischen Hypothekenbank von 1851 war zwar eine staatliche Oberaufsicht festgeschrieben, doch das Thema blieb offen.

Der Thurgauer Regierungsrat hat dem einfach zugesehen? Die FDP in Parlament und Regierung, die FDP mit einflussreichen Vertretern in der Bank?

Loepfe: Es gab eine liberale Grundeinstellung: Eine staatliche Intervention war nicht gewünscht. Die Regierung zögerte, denn eine weitere Variante wäre die Fusion mit der Thurgauer Kantonalbank gewesen. Doch dagegen war auch der katholisch-konservative Alfons von Streng als Präsident der Bankvorsteherschaft der Kantonalbank. Eine Fusion hätte auch fast zu einem Bankenmonopol geführt, denn mit drei Sparkassen waren gleichzeitig die Hälfte der Sparkassen in Liquidation. Erst traf es die Sparkasse von Aadorf, dann Steckborn, dann Eschlikon.

Dann war es doch ein Phänomen der Zeit?

Loepfe: Beim Prozess gegen die Sparkassenleitungen kam es zu strafrechtlichen Verurteilungen. Das war bei der Thurgauischen Hypothekenbank nicht der Fall. Beim Verhalten der heutigen UBS vor der Krise von 2007/2008 kann man möglicherweise von Grobfahrlässigkeit sprechen. Das war bei der Thurgauischen Hypothekenbank nicht der Fall.

Dann haben sie einfach schlecht geschäftet? Hätte man etwas lernen können für die aktuelle Bankenkrise?

Loepfe: Dafür liegt die Zeit zu weit zurück. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Die Banken haben heute auch ganz andere Grössenverhältnisse.

Aber es bleibt die Erkenntnis, dass Missmanagement keine strafbare Handlung ist.

Loepfe: Das ist die freie Marktwirtschaft.

Warum musste denn die Thurgauische Hypothekenbank zugrunde gehen, während andere Banken überlebt haben?

Loepfe: Da kommen ein paar Faktoren zusammen: Man hat zu schnell neue Geschäftsfelder erschlossen. Mit der Grösse und Aggressivität der Expansion hatte sich die Bank übernommen. Es herrschte ganz klar ein Kontrolldefizit. Man berauschte sich an der grossen Bilanzsumme.

Man hätte es also langsamer angehen müssen. Kann man das unter dem Druck der Konkurrenz?

Loepfe: Das Konkurrenzdenken, das Prestigedenken und der Ehrgeiz spielen hier auch negativ mit hinein. Und schlicht und einfach hatten sie auch Pech.

Und warum kam es beim Zusammenbruch zu keiner Katastrophe?

Loepfe: Die Thurgauische Hypothekenbank wurde von der Schweizerischen Bodenkreditanstalt übernommen. So kam es zu keiner Liquidation, sondern zu einem gnädigen Übergang mittels einer Fusion.

Und die Bodenkreditanstalt nahm auch die Kunden mit. Die Kantonalbank profitierte also nicht?

Loepfe: Sie profitierte, aber nicht übermässig. Allgemein haben viele Thurgauer das Vertrauen in Banken verloren, gerade auch wegen der Prozesse gegen die Sparkassenleitungen, die sich hingeschleppt haben. Das waren komplexe Liquidationen. 1912 gelang es, den Aktienkurs der Hypothekenbank zu stützen. Die Bank hatte sich aber hauptsächlich über Kassenobligationen refinanziert. Diese bei Fälligkeit umzuwandeln, wurde immer schwieriger. Auch konnte das Vertrauen nicht mehr hergestellt werden. Der Aktienkurs erholte sich nicht mehr richtig.

Was passierte mit den drei überlebenden Sparkassen? Die gibt es ja heute auch nicht mehr.

Loepfe: Diese gingen nach dem 1. Weltkrieg unter, als die deutsche Mark ihren Wert verlor.

Die Zürcher Bank Leu, die nicht viel grösser war als die Thurgauische Hypothekenbank, hat aber überlebt. Was hat sie besser gemacht?

Loepfe: Sie war auch in Schwierigkeiten, und heute gibt es auch sie nicht mehr.

Kann man trotzdem etwas daraus lernen?

Loepfe: Die Transparenz für den Aktionär fehlte. Und in jener ausgeprägt wirtschaftsliberalen Zeit gab es noch kein Bankengesetz, und auch das Sparkassengesetz wurde verzögert. Wenn man so extrem expandiert, ist man auf sehr starke Eigenmittel angewiesen. Die Hypothekenbank hat aber zu lange zugewartet mit einer Aktienkapitalerhöhung.

Die Gründung der Thurgauischen Hypothekenbank erfolgte relativ früh. Warum gerade im typischen Landwirtschaftskanton?

Loepfe: Der Thurgau war eben kein reiner Landwirtschaftskanton. Die Industrialisierung fand hier früh statt: der Textilbereich entlang der Murg, vom Jakobstal bis Wängi, Arbon kam ab 1890 dazu, und als Zulieferer für die St. Galler Stickereiblüte war der Thurgau auch wichtig, sei es mit Stickereifabriken, aber auch mit viel Handstickereien zu Hause. Für viele Landwirte war die Heimstickerei ein Zweiterwerb. Auch Steckborn und Kreuzlingen waren wichtige Standorte der Industrie. Der Umsturz der demokratischen Bewegung führte 1871 dann zur Gründung der Kantonalbank.

Diese wird 2021 Ihr 150-Jahr-Jubiläum feiern. Werden Sie Ihre Geschichte aufarbeiten?

Loepfe: Ich wäre bereit dazu. Die ersten 100 Jahre könnte ich schreiben. Bei der Thurgauischen Hypothekenbank lagerten die Akten im Staatsarchiv. Das ist ein Glücksfall für Historiker. Es wäre zu wünschen, dass weitere alte Akten ins Staatsarchiv gehen.

Warum gab es zu Ihrem Buch keine offizielle Vernissage?

Loepfe: Ich wollte keine. Und ausserdem wäre es zeitlich nahe zur Vernissage zum Buch über die Komturei Tobel gelegen gekommen. Und die Geschichte über die Komturei Tobel ist vielleicht interessanter.

Das finde ich nicht. Ihr Buch ist mindestens so spannend.

Loepfe: Danke!

Willi Loepfe: Aufstieg und Untergang der Thurgauischen Hypothekenbank (1851–1914). Thurgauer Beiträge zur Geschichte. Band 151 für das Jahr 2014. Verlag des Historischen Vereins des Kantons Thurgau.

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