Restekuscheln für Anfänger

Wenn die Nacht zum Tag wird

Mathias Frei
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3.45 Uhr: In der Soul-City-Hall misst man sich im Limbo-Dance. (Bild: Andrea Stalder)

3.45 Uhr: In der Soul-City-Hall misst man sich im Limbo-Dance. (Bild: Andrea Stalder)

Der Countdown läuft. 140 Minuten bis X. Oder: Freitagnacht, 3.40 Uhr. Um 6 Uhr geht die Musik aus. Die etwas anderen blauen Stunden. «Achtung, Erbrochenes», warnt eine junge Frau in der Soul-City-Hall. Zwei Meter weiter ein spontaner Limbo-Dance-Contest. Als Stange dient ein riesiges Trinkröhrli von einer «Sex on the Beach»-Karaffe. Der eine oder andere ist nicht mehr ganz so geschmeidig und stürzt. Egal. Staub abklopfen, weitermachen. Hier ist aber bald mal der letzte Song gespielt. Also weiter in die «La Fabrik».

Das Kaffee-Mobil macht um 4 Uhr dicht. Der zweitletzte Kunde bezahlt und rauscht ab, bevor das Wasser durch den Kolben ist. Der hat sowieso verloren, wenn er jetzt einen Kaffee braucht. Freudentrunkene Menschen aller­orten. «La Fabrik»: Das sind zwei Dancefloors, einmal elek­tronische Musik, einmal Urban. «Meine Zeit ist abgelaufen», meint einer. Er hat wohl nicht unrecht. Aber so richtig kaputt sind hier die wenigsten. Denn Tanzen ist auch Flirten. Vielleicht geht ja noch was, aber nur wenn’s noch nicht zu viel war.

Blick an den Himmel, der schon langsam aufhellt. Blick auf die Uhr: halb fünf. Das Konzert­gelände ist mittlerweile zu. Es gibt nur noch den Ausgang Richtung Campingplatz. Die Security-Leute haben nicht viel zu tun. Dann ­tauchen fünf Kantonspolizisten auf, drehen ihre Runde durch «La Fabrik». Läuft. 5.15 Uhr: ein letzter DJ-Wechsel auf dem Urban-Floor. Das wird dann wohl der musikalische Rausschmeisser, denkt man sich. Aber so schlimm ist es dann doch nicht. Vielmehr treibt nun die Sonne die Menschen in ihre Schlafsäcke. Die Reihen haben sich gelichtet. Jetzt ist es definitiv Tag.

Zehn Minuten bis X. Der DJ spielt Ol’ Dirty Bastard an, «Oh, Baby, I like it raw». Einer fragt nach Rips, also Zigarettenpapier. Ein Gute-Nacht-Joint. Menschen wanken Richtung Ausgang. Letzte Runde im Restekuscheln. Wer jetzt noch keine Begleitung für Zweisamkeit gefunden hat, ist selber schuld. Man kann es nicht anders sagen. «Mann, alle sind schon am Schlafen», bedauert einer. Die Portion Chässpätzli, für die er ansteht, wird ihm kaum Trost sein. Armer Tropf. Dafür hat er was im Magen.

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch