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Reden üben, Freundschaft pflegen

Mit jugendlichem Elan legte der Kantonsschüler und spätere Bundespräsident Ludwig Forrer aus Islikon 1862 den Grundstein für die Mittelschulverbindung Thurgovia. Der Schweizer Bundesstaat war damals eine demokratisch-republikanische Insel inmitten von Monarchien.
Andrej Rudolf Jakovac
Die Thurgovia liess regelmässig Generationenfotos erstellen, hier von der Generation 1901/02. Entstanden ist das Bild im Studio des Fotogeschäfts Bär, dessen Archiv seit 2007 im Stadtarchiv Frauenfeld gesichert und erschlossen wird. (Bilder: pd)

Die Thurgovia liess regelmässig Generationenfotos erstellen, hier von der Generation 1901/02. Entstanden ist das Bild im Studio des Fotogeschäfts Bär, dessen Archiv seit 2007 im Stadtarchiv Frauenfeld gesichert und erschlossen wird. (Bilder: pd)

FRAUENFELD. In der als «Redeübungsverein» gegründeten Thurgovia waren die Gymnasiasten angehalten, «sich im deutschen Vortrag zu üben», wie es im ersten Paragraph der Vereinsstatuten von 1862 heisst. Unter dem Vorsitz von Ludwig Forrer diskutierten die achtzehn ersten Mitglieder ihre Referate über historische, wissenschaftliche und literarische Themen – und sie debattierten über Politik. Wie 1865 beispielsweise über die Frage, ob wohl «ein kleiner Staat besser daran tue, mit Einbüssung seiner Selbständigkeit sich an einen grossen anzuschliessen oder aber selbständig zu bleiben». Durchaus ein Thema, das in ähnlicher Form heute noch die Schweiz bewegt.

Ludwig Forrer war ein herausragender Schüler, seine aussergewöhnliche Begabung ermöglichte es ihm, die Maturitätsprüfung ein Jahr vor der Zeit abzulegen. Sein Interesse an politischen Fragen war so ausgeprägt, dass er von seinen Mitschülern den Übernamen «Bundesrat» erhielt – nomen est omen, nach einer beeindruckenden Karriere wurde Forrer 1902 in den Bundesrat gewählt. In seinen 15 Jahren Amtszeit war er zwei- mal, 1906 und 1912, Bundespräsident. Sein früh verstorbener Vater hatte im Färbereiunternehmen Greuterhof in Islikon gearbeitet, bevor er sich als Mechaniker selbständig machte.

Comment, Band und Mütze

Schon bald nach ihrer Gründung wandelte sich die Thurgovia vom braven Schülerverein zur Studentenverbindung und übernahm couleurstudentische Formen – Comment, Band, Mütze. Die Devise «litteris et amicitiae», der Wissenschaft und der Freundschaft gewidmet, gab sich die Thurgovia im Herbst 1865.

In diesen Jahren wurden die auch heute noch regen Freundschaftsbande mit den Verbindungen Vitodurania aus Winterthur, Scaphusia aus Schaffhausen und Rhetorika aus St. Gallen geknüpft. Eine äusserlich sichtbare Form erhielt diese Viererbeziehung durch die Gründung des sogenannten Ostschweizer Kartells im Jahr 1919. Neben der Freundschaft stehen Literatur, Kultur und Wissenschaft seit den ersten Tagen im Mittelpunkt des Verbindungslebens. Immer wieder führten die Mitglieder Stücke auf, schon 1865 plante man «Der Neffe als Onkel» zu geben, ein von Friedrich Schiller übersetztes Lustspiel des französischen Dramatikers Louis-Benoît Picard. Von Zeit zu Zeit durfte es auch dramatischer zugehen – so gab die Thurgovia 1919 zugunsten des thurgauischen Museumsfonds William Shakespeares «Romeo und Julia».

Als Schauspieler eingespannt wurden auch Mitglieder des 1868 gegründeten Kantonsschulturnvereins Concordia, mit dem die Thurgovia seit dessen Gründung in freundschaftlicher Rivalität verbunden ist. Seit 1992 besteht an der Kantonsschule Frauenfeld mit der Licornia zudem eine Damenverbindung.

In Szene gesetzt wurde «Romeo und Julia» vom späteren Verleger und Fotografen Martin Hürlimann, der als junger Thurgovianer nicht müde wurde, Theaterstücke für seine Mitaktiven zu schreiben und bei den Aufführungen Regie zu führen.

Geistreiche Produktionen, eloquent in Prosa oder Versform vorgetragen, sind bis heute fester Bestandteil der Zusammenkünfte und lebendiges Zeugnis eines liebevoll verspielten Umgangs mit der deutschen Sprache – neben den nach wie vor wöchentlich stattfindenden Sitzungen mit Vorträgen zu aktuellen politischen wie auch literarischen Themen.

Im Herbst 1889 fand in Frauenfeld unter der Leitung des späteren Bundesrates Heinrich Häberlin die Gründungsversammlung der Alt-Thurgovia statt, des Ehemaligenvereins. Heute zählt die Alt-Thurgovia rund 350 Mitglieder, insgesamt haben seit den Anfängen der Corporation rund 900 Mitglieder das grün-weiss-grüne Thurgovia-Band aufgenommen.

Werte vermitteln

Die Freundschaft, die «amicitia» aus der Devise, wird nicht nur an Veranstaltungen der Thurgovia aktiv gepflegt. Sie ist jenes generationenübergreifende Element, das heute wie damals innerhalb einer bunten Vereinigung von Individuen die Mitglieder zusammenführt. Zusammengehalten werden die Thurgovianer nicht durch die äussere Form, sondern durch die Inhalte der Vereinigung. Aus diesem Grund ist die Thurgovia weder modern noch antiquiert. Sie ist zeitlos, weil sie sich auf die Vermittlung ursprünglichster Werte konzentriert – Freiheit in Meinung und Gesinnung, Freundschaft, Humanismus.

Verbindung ist auch nicht Vernetzung. Vielmehr geht es um Verbundenheit – und zwar um die Verbundenheit mit der jugendlichen Idee der Thurgovia, ihre Mitglieder in «litteris et amicitiae» zu einen, Verbundenheit mit der Kantonsschule, der Stadt Frauenfeld, dem Kanton Thurgau. Und ohne Zweifel auch Verbundenheit mit dem zweiten Teil des einleitenden Paragraphen der Statuten von 1862 – «den Mitgliedern gesellschaftliche Unterhaltung zu verschaffen». Nur Reden zu üben wäre schliesslich eine allzu trockene Angelegenheit.

Die Thurgovianer besuchen 1926 mit ihren Damen einen Tanzkurs.

Die Thurgovianer besuchen 1926 mit ihren Damen einen Tanzkurs.

Ludwig Forrer Gründer der Thurgovia

Ludwig Forrer Gründer der Thurgovia

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