Recht und Gerechtigkeit

Der Mann ist zu bedauern. Zuerst war er fünf Monate in der Psychiatrischen Klinik, bis überhaupt ein Gericht sich seiner annahm. Dann musste er fast acht Jahre prozessieren, bis er recht bekam.

David Angst
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Der Mann ist zu bedauern. Zuerst war er fünf Monate in der Psychiatrischen Klinik, bis überhaupt ein Gericht sich seiner annahm. Dann musste er fast acht Jahre prozessieren, bis er recht bekam. Nun hat ihm der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine Abfindung plus Anwaltskosten von 20 000 Franken zugesprochen. Den Europäischen Gerichtshof müsste man eigentlich wegen Langsamkeit einklagen, die Frage ist nur, wo.

Nun gut, es ist ja überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass ein gesamteuropäisches Gericht überhaupt funktioniert, so unterschiedlich, wie das Rechtsempfinden von Land zu Land ist.

In Deutschland zum Beispiel ist alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. In der Schweiz dagegen ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Und in Italien ist alles erlaubt, was verboten ist. Dies gilt auch im Fussball. In Italien lernen schon die kleinen Knirpse im Training, wie man den Schiedsrichter mittels Schwalbe düpiert.

In Deutschland darf man nicht einmal auf dem Penaltypunkt eine Volte drehen, und schon schreit das ganze Land Zeter und Mordio. Dabei war es ein Glanzstück an Raffinesse, was diesem Thurgauer Goalie gelungen ist. Vor dem ganzen Schiedsrichtergespann, elf Gegenspielern und 46 000 Zuschauern gräbt er neben dem Penaltypunkt ein Loch, und keine Sau merkt es. In Italien wäre Marwin Hitz wohl gleich eingebürgert worden, in Deutschland wird er öffentlich gevierteilt, obwohl er gegen keine Regel verstossen hat.

Als Neutraler empfindet man es schon fast als ungerecht, wie gewisse Täter behandelt werden. Zum Beispiel auch die Poststellenräuber. Man spürt richtiggehend ihren vorweihnachtlichen Existenzstress. Schnell noch ein paar Poststellen überfallen, man weiss ja nie, ob sie nach Neujahr überhaupt wieder aufgehen. So, wie die Post vorwärtsmacht mit Schliessungen. In diesen Tagen wird fast täglich eine Poststelle überfallen – und täglich eine geschlossen.

Man kann sich nur ausmalen, wie es herauskommt, wenn das so weitergeht. Bis Mitte 2016 balgen sich wohl fünf Räuber um jede Poststelle. Man ist sich nicht sicher, welches die grösseren Gauner sind. Diejenigen, welche die Poststellen überfallen, oder die, welche sie schliessen.

david.angst@thurgauerzeitung.ch

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