Rechsteiners Vorsprung ist keine Garantie

Zwischen 1919 und 2011 hielt die St. Galler CVP ununterbrochen einen Ständeratssitz. Vor vier Jahren ging er nach dem kurzfristigen Rückzug von Eugen David verloren, und nun tritt die CVP zum zweiten Durchgang gar nicht mehr an.

Silvan Lüchinger
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Zwischen 1919 und 2011 hielt die St. Galler CVP ununterbrochen einen Ständeratssitz. Vor vier Jahren ging er nach dem kurzfristigen Rückzug von Eugen David verloren, und nun tritt die CVP zum zweiten Durchgang gar nicht mehr an. Die Partei, ohne die in diesem Kanton einst nichts ging, ist an einem Tiefpunkt angelangt.

Verwunderlich ist der Verzicht auf den zweiten Wahlgang nicht. Thomas Ammann wurde zwar als Nationalrat gewählt. Als Ständeratskandidat aber ist er untergegangen. Ein erneutes Antreten wäre eine reine Alibikandidatur gewesen. Dass Regierungsrat Beni Würth nicht kandidieren will, war bekannt, und dass Nationalrat Markus Ritter wenig Lust verspürt, sein Image als Bauernpräsident aufs Spiel zu setzen, war anzunehmen. Die Kandidatinnen und Kandidaten der Kleinparteien haben sich abgemeldet oder werden sich noch abmelden. Damit machen am 15. November SP und SVP den zweiten Ständeratssitz definitiv unter sich aus. Paul Rechsteiner hat am Wochenende gut 12 000 Stimmen vorgelegt. Das ist eindrücklich, aber keine Garantie. Vor vier Jahren lag er mit derselben Differenz hinten – und hat doch gewonnen. Helfen könnte ihm diesmal, dass gleichentags auch kantonale Vorlagen mit linken Anliegen zum Entscheid stehen.

SVP-Kandidat Thomas Müller wird sich aber nicht geschlagen geben. Von der CVP darf er als Parteiwechsler nicht allzu viel erwarten. Viele ihrer Stammwähler dürften leer oder gar nicht einlegen. Entscheidend wird sein, wie sich die Wähler von Karin Keller-Sutter verhalten. Enthalten sie sich der Stimme, wird es für Müller schwierig, denn das Potenzial der SVP hat er nahezu ausgereizt. Machen sie aber mit, wird er zulegen können. Denn anders als vor vier Jahren die Reizfigur Toni Brunner ist Müller der FDP nie auf der Seele rumgetrampelt – und damit im Sinne der bürgerlichen Doppelvertretung wählbar.

silvan.luechinger@tagblatt.ch