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Psychiatrie: Münsterlingen hinkte lange hinterher

Nach dem Zweiten Krieg entwickelten sich die psychiatrischen Kliniken in Südbaden und im Thurgau unterschiedlich. In Deutschland, das seine Nazivergangenheit aufarbeitete, erfolgten ab 1965 Reformen. In Münsterlingen kam der Aufbruch erst in den 80ern. Dies zeigt eine Dissertation.
Inge Staub
Ralf Rosbach Doktorand – arbeitet Psychiatriegeschichte auf (Bild: Inge Staub)

Ralf Rosbach Doktorand – arbeitet Psychiatriegeschichte auf (Bild: Inge Staub)

REICHENAU. Das Psychiatrische Zentrum Reichenau besteht aus mehreren historischen Gebäuden: Im ersten Stock des Haupthauses hat Ralf Rosbach sein Büro. Von hier aus nimmt er die Psychiatrie Münsterlingen unter die Lupe.

Der Betriebswirt ist eigentlich für das Rechnungswesen des Zentrums zuständig. Seit einigen Jahren widmet sich Rosbach zudem der sozialgeschichtlichen psychiatrischen Forschung. Er geht der Frage nach, wie sich die Psychiatrie in Südbaden und der Schweiz von 1945 bis 1996 entwickelt hat. An der Uni Konstanz schreibt er darüber eine Dissertation. Als Quellen dienen ihm Jahrbücher und Gespräche mit Zeitzeugen, ehemaligen Ärzten und Pflegern.

«Durch die NS-Zeit gab es in Deutschland einen Einschnitt in der Psychiatrie. Ich möchte herausfinden, ob sich die Psychiatrie in der Schweiz deshalb anders entwickelt hat», sagt Rosbach. Auch auf der Reichenau hielten einst die «grauen Busse» der Nazis. Hunderte von psychisch Kranken wurden in die Tötungsfabriken transportiert.

Das Psychiatrische Zentrum Reichenau wurde 1949 wieder eröffnet. In den 50er- und 60er-Jahren waren sowohl Reichenau als auch Münsterlingen reine Verwahranstalten. «Es wurde wenig behandelt. Die meisten Patienten wurde über Jahre hospitalisiert und mit Medikamenten ruhig gestellt» – oder wie Rosbach sagt: «medikamentös eingemauert». In den 60er-Jahren gab es in beiden Kliniken rund 700 Patienten.

Patienten wurden sterilisiert

Während die Reichenau sich von Behandlungsmethoden der Nazis distanzierte, wurden diese in der Schweiz auch in den Nachkriegsjahren weitergeführt. So ordneten die Schweizer Psychiater Sterilisationen an Patientinnen und Patienten bis Ende der 70er-Jahre an. «Dies war aufgrund der NS-Vergangenheit auf der Reichenau nicht möglich», sagt Rosbach. Die Nazis liessen etwa Tausende Behinderte, psychisch Kranke, Sinti und Roma zwangssterilisieren.

Das nationalsozialistische Gedankengut baut auf der Lehre von der Eugenik auf – Geisteskrankheit würde etwa vererbt. In Münsterlingen befasste sich deshalb Adolf Zolliker, von 1939 bis 1970 Direktor der Psychiatrischen Klinik, auch in den Jahren nach dem Naziterror mit dem Thema Vererbung. Er forderte seine Mitarbeiter auf, über jeden Patienten einen Stammbaum zu erstellen. Im Laufe der Jahrzehnte entstand so ein Archiv von weit über 30 000 Stammtafeln. Bis Ende der 70er-Jahre prägten Zollikers Vererbungslehre sowie die Medikamentenforschung und Anwendung des damaligen Ober- und Chefarztes Roland Kuhn die Psychiatrie in Münsterlingen. Während Roland Kuhn im Thurgau an Erwachsenen und Heimkindern ohne deren Wissen nicht zugelassene pharmazeutische Wirkstoffe testete, wurden ab 1965 auf der Reichenau Reformen wie offene Abteilungen und ambulante Behandlung aufgegleist.

Ende elender Bedingungen

Die Reformen auf der Reichenau beschleunigten sich, nachdem der deutsche Bundestag 1971 eine Enquête-Kommission einsetzte. Diese kam zum Schluss, «dass eine sehr grosse Anzahl psychisch Kranker und Behinderter in den stationären Einrichtungen unter elenden, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen leben müssen». In der Folge entwickelte sich auf der Reichenau eine sozialpsychiatrische und gemeindenahe Psychiatrie.

Als Karl Studer 1980 die Leitung in Münsterlingen übernahm, zog der Fortschritt ein. «Studer übernahm den sozialpsychiatrischen Ansatz und ging dabei einen Schritt weiter, indem er dezentrale Ambulatorien in Romanshorn und Frauenfeld aufbaute», sagt Rosbach. Der Doktorand will seine Dissertation im kommenden Jahr veröffentlichen.

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