Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

PROZESS: Thurgauer Serienräuber soll nicht ins Gefängnis

Vor zwei Jahren sorgte ein junger Wängemer mit einer Raubserie für Schlagzeilen. Heute stand er dafür vor dem Bezirksgericht in Münchwilen.
Olaf Kühne
Raubüberfall auf die Frauenfelder Kontaktbar «Big Apple» im Januar 2016: Die Kantonspolizei sperrte die St.Gallerstrasse, eine Spezialeinheit durchsuchte das Gebäude erfolglos. (Bild: Donato Caspari (5. Januar 2016))

Raubüberfall auf die Frauenfelder Kontaktbar «Big Apple» im Januar 2016: Die Kantonspolizei sperrte die St.Gallerstrasse, eine Spezialeinheit durchsuchte das Gebäude erfolglos. (Bild: Donato Caspari (5. Januar 2016))

Eigentlich gehe es ihr wieder gut, beantwortete die Frau heute die entsprechende Frage des Gerichtspräsidenten. Aber wenn sie vermummte Menschen sehe, bekomme sie dann doch Angst. Darum sei gerade die jetzige Winterzeit, in der viele mit Kapuzen und Schals bekleidet sind, nicht einfach für sie.

Die Frau war eine von elf Privatklägern am Bezirksgericht Münchwilen. Vor bald zwei Jahren, im Januar 2016, arbeitete sie spätabends in einem Tankstellenshop in Bronschhofen. Dabei wurde sie Opfer des heute 22-jährigen Schweizers, der sich gestern als Angeklagter vor Gericht verantworten musste. In der besagten Nacht überfiel er die Tankstelle mit einer sogenannten Softair Gun, einer täuschend echten Waffenattrappe. Drei Stangen Zigaretten und 600 Franken Bargeld waren die Beute.

«Der kleine Betrag macht es fast noch schlimmer», sagte denn auch der Staatsanwalt. «Er zeigt, dass der Angeklagte seine kurzfristige Geldgier über das Wohlergehen seiner Mitmenschen gestellt hat.»

Nasenbein für 20 Franken gebrochen

Die 600 Franken waren indes nicht die kleinste Beute aus den zahlreichen Überfällen, welche der Angeklagte zwischen August 2015 und Februar 2016 begangen hatte. Am Tag des Raubüberfalles auf den Bronschhofener Tankstellenshop ging der Mann nur sechs Stunden zuvor in Frauenfeld gar leer aus: Um 16 Uhr nachmittags waren die Kassen der Kontaktbar «Big Apple» an der St.Gallerstrasse schlicht noch leer. Einen spektakulären Polizeieinsatz löste der Wängemer damals dennoch aus. Weil nicht klar war, ob sich der Mann noch im Etablissement befindet, sperrte die Kantonspolizei Thurgau während eineinhalb Stunden die Strasse, eine Spezialeinheit durchsuchte das ganze Gebäude.

Seine Softair Gun hatte der Angeklagte auch bei seinen weiteren Überfällen dabei, auf Tankstellenshops in Wilen und Aadorf sowie auf die Post in Islikon. Seine rabiatere Seite zeigte der Angeklagte, wenn er in Begleitung zweier Komplizen war. So brach er, ebenfalls im Januar 2016, in Islikon einem zufällig ausgesuchten Passanten das Nasenbein für 20 Franken und ein Smartphone. In der selben Nacht fügte er in Frauenfeld einer Taxifahrerin eine Platzwunde und eine Gehirnerschütterung zu – für 1700 Franken.

Bei zwei weiteren Überfällen scheiterten der Angeklagte und seine Mittäter indes: In Wängi liessen sie sich vom bellenden Hund eines Drogenhändlers in die Flucht schlagen, in Frauenfeld konnte sich ein Passant erfolgreich mit seinem Regenschirm verteidigen.

Bereits im Kanton St.Gallen verurteilt

In seiner Anklageschrift berichtete der Staatsanwalt zudem von einem weiteren Überfall auf einen Dealer, von Tausenden Euro Falschgeld und von hundert fast erntereifen Hanfpflanzen, welche die Polizei sicherstellen konnte.

Vor allem aber führte der Ankläger die zwei Jahre Gefängnis ins Feld, die der Angeklagte im vergangenen Sommer vom St.Galler Kantonsgericht für ähnliche Verbrechen kassiert hatte. «Die Delikte im Thurgau hat der Angeklagte begangen, als das Verfahren in St.Gallen bereits lief», sagte der Staatsanwalt und forderte weitere sieben Jahre Gefängnis.

Wahrscheinlich aber muss der Angeklagte die Haftstrafe gar nicht absitzen. Befindet er sich doch seit über einem Jahr in einem Massnahmezentrum für junge Erwachsene, im August hat er dort eine Lehre als Automechaniker begonnen. Dies sei der richtige Ort für ihn, sagte er gestern, dort werde er gut betreut. In der Gewerbeschule habe er bis jetzt nur gute Noten, eine Stunde pro Woche bespreche er mit einer Psychologin seine Delikte und seine frühere Drogensucht. Vor allem aber hätten ihm die 176 Tage Untersuchungshaft zugesetzt. «Ich habe seither kein Bedürfnis mehr nach meinem alten Leben», sagte er – und entschuldigte sich wiederholt bei den anwesenden Opfern.

Anklage und Verteidigung waren sich denn auch einig, dass eine Haftstrafe – der Verteidiger forderte fünf Jahre – auszusetzen sei, und der Angeklagte stattdessen im Massnahmenzentrum seine Lehre beenden soll. Das Bezirksgericht Münchwilen wird sein Urteil später schriftlich bekannt geben.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.