PROZESS: Strafrabatt für zwei Thurgauer Mafiosi

Die beiden Anführer der Thurgauer 'Ndrangheta-Zelle, Antonio N. und Raffaele A., haben vom Berufungsgericht in Reggio Calabria eine Reduktion ihrer Strafen zugestanden erhalten. Statt 14 bzw. 12 Jahre müssen sie "nur" 10 und 8 Jahre ins Zuchthaus.

Dominik Straub, Rom
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Diese Aufnahmen eines geheimen Treffens der sogenannten Frauenfelder Mafiazelle sorgten bereits vor einigen Monaten für grossen Wirbel. (Bild: CARABINIERI DI REGGIO CALABRIA)

Diese Aufnahmen eines geheimen Treffens der sogenannten Frauenfelder Mafiazelle sorgten bereits vor einigen Monaten für grossen Wirbel. (Bild: CARABINIERI DI REGGIO CALABRIA)

Der 68-jährige Antonio N. und der 73-jährige Raffaele A. sind die beiden einzigen Mafiosi der Thurgauer 'Ndrangheta-Zelle, die in Italien bereits verurteilt worden sind. Nach dem Auffliegen des 'Ndrangheta-Ablegers in Frauenfeld Anfang 2014 waren die beiden in der Schweiz zwar wie die übrigen 16 Mitglieder der Bande zunächst auf freiem Fuss geblieben; sie hatten dann aber die Unvorsichtigkeit begangen, im August des gleichen Jahres in Kalabrien eine Hochzeit zu besuchen - und waren bei der Gelegenheit von der italienischen Polizei umgehend verhaftet worden. Im Oktober 2015 wurde Antonio N. wegen Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung zu 14 Jahren und Raffaele A. zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Unzufriedener Anwalt

Dieses Strafmass ist am Donnerstagabend vom Berufungsgericht in Reggio Calabria auf 10 Jahre im Fall von Antonio N. und auf 8 Jahre bei Raffaele A. reduziert worden - weil ihnen nicht bewiesen werden konnte, dass sie einer bewaffneten Zelle angehört hätten, wie Anwalt Giovanni Vecchio erklärte. Zufrieden ist der Anwalt aber nicht: Er hatte Freispruch für seine Mandanten gefordert, weil die Anklage seiner Meinung nach keinen einzigen Beweis für eine Mafia-Mitgliedschaft - und dies blieb die schwerwiegendste Anschuldigung - habe vorweisen können. Vecchio will noch auf die Urteilsbegründung des Gerichts warten; er hat aber bereits angekündigt, dass er den Fall an den Kassationshof in Rom, die höchste und letzte Instanz, weiterziehen will.


Weitere Prozesse stehen bevor

Inzwischen warten auch noch 13 weitere Mitglieder der Thurgauer 'Ndrangheta-Zelle in Italien auf ihren (erstinstanzlichen) Prozess - fünf von ihnen in Reggio Calabria, die anderen acht im Hochsicherheitsgefängnis Opera bei Mailand. Sie waren nach langem Hin- und Her im März 2016 von der Schweizer Polizei verhaftet worden: Das Bundesamt für Justiz hatte einem italienischen Auslieferungsersuchen zugestimmt und in den Kantonen Thurgau, Zürich und Wallis 15 Personen festnehmen lassen. Bei zwei der Festgenommenen handelte es sich um eingebürgerte Personen, die als Schweizer Bürger nicht ausgeliefert werden konnten; die übrigen sind an Italien überstellt worden, die letzten von ihnen im Oktober. Derzeit befindet sich das Verfahren gegen die 13 mutmasslichen Thurgauer Mafiosi noch im Vorstadium: Am kommenden 13. Dezember soll entschieden werden, ob definitiv Anklage erhoben wird.


Video im Netz

Die Entdeckung der Frauenfelder 'Ndrangheta-Zelle hatte in der ganzen Schweiz für erhebliches Aufsehen gesorgt. Vor drei Jahren hatte die italienische Polizei ein Überwachungsvideo ins Internet gestellt, auf dem eine Sitzung der Zelle im Säli eines Boccia-Klubs in Wengi mitverfolgt werden konnte; bei dem Treffen unterhielten sich die mutmasslichen Mafiosi unter anderem auch über Drogenhandel. Die meisten von ihnen hatten in Frauenfeld und Weinfelden jahrelang ein völlig unauffälliges Leben geführt; Antonio arbeitete als Lastwagenchauffeur, Raffaele A. hatte einen kleinen Taxibetrieb aufgebaut. Der diskrete, gutbürgerliche Lebenswandel ist laut italienischen Mafia-Experten ein typisches Merkmal der 'Ndrangheta-Ableger im Ausland.


"In der Schweiz Wurzeln geschlagen"

Der kalabrische Staatsanwalt Antonio de Bernardo hatte es im ersten Prozess für erwiesen erachtet, dass es sich bei Antonio N., genannt "Ntoni lo Svizzero" oder "il cucchiarune" (der Schwätzer), um den Kopf der Frauenfelder 'Ndrangheta-Zelle gehandelt habe; Raffaele A. sei seine "rechte Hand" gewesen. Die 'Ndrangheta, hatte der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift betont, habe in der Schweiz "Wurzeln geschlagen"; die Thurgauer Zelle habe eine "stabile Struktur" aufgebaut. Die Beziehungen zu den Bossen in Süditalien seien weiterhin sehr eng geblieben, und alle strategischen Entscheide seien in Kalabrien gefällt worden.

Am grössten und gefährlichsten

Die kalabresische 'Ndrangheta gilt schon seit längerem als die gefährlichste und grösste Mafia-Organisation Italiens. Laut den italienischen Anti-Mafia-Behörden existieren im Inland rund 150 Clans - intern "'Ndrine" genannt -, sowie über 100 Metastasen im Ausland. Bezüglich 'Ndrangheta-Unterwanderung liegen Deutschland, die Schweiz und Österreich mit über 30 Ablegern weltweit an der Spitze. Pro Jahr setzt die 'Ndrangheta rund 65 Milliarden Euro um - sie ist damit eines der grössten "Unternehmen" Italiens. Am meisten (rund 25 Milliarden Euro) nimmt die Organisation mit dem Drogenhandel ein: Die 'Ndrangheta ist die wichtigste Abnehmerin der südamerikanischen Drogenkartelle und versorgt ganz Europa mit Kokain. Aber auch mit den Sparten Geldwäsche, Waffenhandel, Prostitution und Glückspiel machen die Kalabresen erhebliche Gewinne.