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PROZESS: Fall Kümmertshausen: Kronzeuge hätte dem Opfer helfen müssen

Die Richter lassen den Kronzeugen noch im Gerichtssaal vorläufig festnehmen. Das Gericht hält ihn der eventualvorsätzlichen Tötung durch Unterlassung für schuldig.
Ida Sandl
Noch nie war der Andrang zu einer Verhandlung im Prozess Kümmertshausen so gross wie am Montag. (Bild: Donato Caspari)

Noch nie war der Andrang zu einer Verhandlung im Prozess Kümmertshausen so gross wie am Montag. (Bild: Donato Caspari)

Keine zwei Stunden nachdem Yilmaz B. den Gerichtssaal als freier Mann betreten hatte, trug er Fussfesseln. Der Mammutprozess Kümmertshausen nahm am Montag eine radikale Wende. Das Bezirksgericht Kreuzlingen verurteilte den sogenannten Kronzeugen wegen eventualvorsätzlicher Tötung durch Unterlassung. Die drei Mitbeschuldigten im Tötungsdelikt wurden vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung frei gesprochen. Das Gericht verkündete nur die Schuldsprüche für alle Angeklagten, das Strafmass wird ihnen frühestens im März eröffnet.


Vieles bleibt im Nebel

Was sich Ende November 2010 im Weiler Löwenhaus bei Kümmertshausen tatsächlich abgespielt hat, wird vielleicht nie völlig geklärt werden. Fakt ist, dass noch in der Nacht ein 53-jähriger IV-Rentner tot aufgefunden wurde. Er war gefesselt und an den Folgen einer Knebelung gestorben. "Vieles bleibt im Dunkeln oder zumindest im Nebel", sagte der Vorsitzende Richter Thomas Pleuler, als er die Schuldsprüche begründete.

Überraschend ist, dass gerade der Mann auf dessen Aussage sich ein Grossteil der Anklage stützt, nach Meinung des Gerichts schuld ist am Tod des IV-Rentners. Yilmaz B. habe beim Überfall eine wichtige Rolle gespielt, begründete Pleuler. Er sei bei allen Fahrten von St.Gallen nach Kümmertshausen dabei gewesen, er habe dafür gesorgt, dass der IV-Rentner die Tür geöffnet habe. Es gebe zwar keinen Nachweis, dass Yilmaz B. bei der Knebelung oder Fesselung selber Hand angelegt habe. Das sollen zwei Männer getan haben, die beide in der Türkei sind. Einer befindet sich in Haft, der andere soll auf freiem Fuss sein.

Anstiftung zum Raub – nicht zum Mord

Yilmaz B. wäre aber verpflichtet gewesen, aktiv einzugreifen und dem IV-Rentner zu helfen. Das Gericht ist überzeugt, dass er dazu auch in der Lage gewesen wäre. Es gebe jedoch keine Spuren oder Anzeichen, dass er dem Opfer geholfen habe. Somit habe er seinen Tod in Kauf genommen.
Nasar M., der Boss der Bande, wird wegen Anstiftung zum Raub verurteilt. Das Gericht kommt zum Schluss, er habe den Auftrag zum Überfall auf den IV-Rentner erteilt. Er habe dem Mann, der ihn mit der Polizei drohte, eine Lektion erteilen wollen. Dass er den Auftrag zur Tötung des IV-Rentners gab, ist für das Gericht hingegen nicht bewiesen. Wäre die Tötung beabsichtigt gewesen, dann hätten die Männer anders vorgehen müssen und Nasar M. wäre nicht ausgerastet, nachdem er vom Tod des IV-Rentners erfahren habe.

Der Boss habe den Männern wohl weisgemacht, der IV-Rentner sei reich und in seinem Haus gebe es etwas zu holen. Sie nahmen zwar eine Geldkassette mit, doch der Inhalt stellte sich als wenig wertvoll heraus.

Deshalb wurden auch die beiden anderen Mitbeschuldigten wegen Raubes sowie Gehilfenschaft zu Raub verurteilt. Vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung wurden sie aber freigesprochen. Das Gericht sieht Müslüm D. als den Chauffeur bei der entscheidenden Fahrt. Er sei also in Kümmertshausen gewesen, als der IV-Rentner ums Leben kam. Es gebe Zweifel, ob er das Haus des Opfers überhaupt betreten habe. Auf der Fahrt vom Tatort zurück nach St.Gallen habe er jedoch vom tödlichen Überfall erfahren. Doch da sei es bereits zu spät gewesen, um Nothilfe zu leisten.

Osman S. sei beim Überfall nicht unmittelbar dabei gewesen. Es sei auch nicht belegt, dass er in irgendeiner Weise Einfluss auf die Ereignisse in Kümmertshausen ausgeübt habe. Nasar M. , der Boss, wurde ebenfalls wegen Menschenschmuggel schuldig gesprochen. In mindestens sechs von ihm gekauften und exportierten Fahrzeugen wurden irakische oder afghanische Flüchtlinge entdeckt. "Er hatte eine hohe und wichtige Position bei den organisierten Menschenschleusungen", sagt Richter Pleuler.

Das Bezirksgericht Kreuzlingen fällte zudem für die 14 Angeklagten Schuldsprüche wegen Drogenhandels, wegen Erpressung und Nötigung. Teils gab es bei diesen Delikten aber auch Freisprüche.

Lob für "mutige Entscheide" des Gerichts

Nachdem das Bezirksgericht Kreuzlingen seine Schuldsprüche verkündet hatte, gab es lobende Worte von Seiten der Verteidiger. Bruno Bauer, der Anwalt des Hauptangeklagten Nasar M., sagte: "Es ist beeindruckend, welchen Mut das Gericht gezeigt hat." Die Kreuzlinger Richter hätten aufgeräumt. "Wo nichts ist, ist nichts."

Schon bevor der Mammutprozess richtig begann, hatte bereits das Bundesgericht dazu Urteile gefällt. So musste die separate Verurteilung des Kronzeugen Yilmaz B. zu fünf Jahren Haft wegen Gehilfenschaft zur vorsätzlichen Tötung aufgehoben werden. Rechtsanwalt Otmar Kurath, er verteidigt Müslüm D., lobte nach den Schuldsprüchen ebenfalls die mutigen Entscheide des Gerichts. "Das ist für mich ein Zeichen, dass unsere Justiz auch unter schwierigen Umständen funktioniert."

Weniger froh über die Teilurteile dürfte die Staatsanwaltschaft sein. Wobei die jetzigen Staatsanwälte das Strafverfahren erst übernommen haben, nachdem ihre Vorgänger wegen Anscheins von Befangenheit in den Ausstand geschickt worden sind. "Wir haben die Schuldsprüche zur Kenntnis genommen", sagte der Staatsanwalt mit besonderen Aufgaben, Christoph Buner. Man werde sie nun analysieren. Das gelte auch für die vom Gericht als "nicht verwertbar" eingestuften Beweise. (san)

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