«Procap entlastet den Staat»

Procap St. Gallen-Appenzell hält immer wieder den Finger auf praktische Hindernisse im Behindertenalltag – auch an seiner eigenen Generalversammlung. Der St. Galler Regierungsrat Fredy Fässler hatte ein offenes Ohr für die Hinweise.

Michael Walther
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Im Einsatz für Menschen mit Behinderung: Procap-Präsident Roland Gossweiler, begleitet vom freiwilligen Mitwirkenden Franz Wiesmer. (Bild: M. Fatzer)

Im Einsatz für Menschen mit Behinderung: Procap-Präsident Roland Gossweiler, begleitet vom freiwilligen Mitwirkenden Franz Wiesmer. (Bild: M. Fatzer)

GOSSAU. «Die Beratertätigkeit war Anfang Jahr recht schwierig. IV-Renten wurden gestrichen. Bei verschiedenen Erkrankungen wird keine Rente mehr gesprochen. Immer mehr mussten wir negative Bescheide akzeptieren, oder bei einem Einwand wurden sie erneut abgelehnt. Die Enttäuschungen waren oft gross. Mitunter machte sich Verzweiflung breit.» So berichtete eine Regionalleiterin von Procap St. Gallen-Appenzell im Jahresbericht.

Schwächste werden abgestraft

«Dies zeigt, wie dringend das Engagement unseres Verbands ist», sagte an der 59. Generalversammlung des Verbands am Samstag in Gossau dessen Präsident Roland Gossweiler. Procap legt immer wieder den Finger auf Hindernisse, denen Behinderte im Alltag begegnen – so auch an der Generalversammlung selber. Seit Sommer 2012 gelten grundsätzlich Erleichterungen für Behinderte beim Parkieren, unter Umständen beispielsweise auch in Begegnungszonen. In gewissen Gemeinden ist das erleichterte Parkieren allerdings gebührenpflichtig, in anderen nicht. Keine Frage, dass es überall kostenfrei sein müsse, meinte Regierungsrat Fredy Fässler, der als Gast an der Versammlung weilte. Er werde sich darum kümmern.

Peter Hüberli, Präsident des Verbands aller Wohn- und Arbeitsstätten für Behinderte im Kanton St. Gallen, machte darauf aufmerksam, dass mit der neuen Heimfinanzierungsordnung seit Anfang Jahr Wochenend- oder Ferienaufenthalte für Personen mit einer Behinderung nicht mehr rückerstattet würden. Man plane nun einen Brief an die Regierung oder eine Petition. «Es geht nicht an, dass die Schwächsten erneut abgestraft werden, nachdem die Stimmbevölkerung eben die Kürzung der Ergänzungsleistungen bachab geschickt hat», sagte Hüberli.

Mehrere hundert Freiwillige

Für die Kantone und Behörden sei der Verband ein wichtiger Ansprechpartner, so Regierungsrat Fässler. «Wir könnten unsere Arbeit ohne Fachpersonen, wie es sie bei Ihnen gibt, nicht tun. Verbände wie Ihrer entlasten den Staat.» Dies zeigt auch die Arbeitsweise von Procap St. Gallen-Appenzell in direktem Kontakt mit Kantonsvertretern und Gemeinden. Der Jahresbericht weist 86 Bezirke, Politische und Ortsgemeinden und drei Kantone nach, die mit Procap zusammenarbeiten und Beiträge zahlen.

Das Engagement zahlreicher Freiwilliger hat auch der Verband selber nötig. «Ohne diese Solidarität könnten wir nicht überleben», betonte Roland Gossweiler und ehrte als Beispiel für mehrere hundert freiwillige Mitwirkende Franz Wiesmer. Dieser begleitet ihn seit Jahren in die Sozialkommission von Procap Schweiz oder an die Parlamentsdebatten des Bundes. Verfolgt wird von den St. Galler Procap-Vertretern insbesondere die Debatte über die 6. IVG-Revision. Sie kämpfen vor allem dagegen, dass es eine volle IV-Rente nurmehr ab 80 Prozent Invalidität geben soll – und nicht mehr wie bis anhin ab 70 Prozent.

Die Rechnung von Procap schloss mit einem kleinen Plus von gut 23 000 Franken ab, bei einem Gesamtaufwand von gut 810 000 Franken. An der Versammlung fanden Bestätigungswahlen von Präsident und Vorstand statt. Auch hier zeigt sich, wie der Verband arbeitet – die Mehrheit der Mitglieder von Geschäftsleitung, Präsidium und Vorstand sind selbst behindert.

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