Preisdruck frisst Import-Gewinne

Nicht nur die Exportindustrie führt wegen der Frankenstärke Massnahmen ein. Auch bei der Firma Rutishauser, einem vermeintlichen Profiteur der aktuellen Währungssituation, müssen die Mitarbeiter täglich etwas länger arbeiten.

Silvan Meile
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Auch bei der Firma Rutishauser Weinkellerei müssen die Mitarbeiter als Massnahme gegen die Frankenstärke länger für den gleichen Lohn arbeiten. (Archivbild: TZ)

Auch bei der Firma Rutishauser Weinkellerei müssen die Mitarbeiter als Massnahme gegen die Frankenstärke länger für den gleichen Lohn arbeiten. (Archivbild: TZ)

FRAUENFELD. Beim letzten Höck in seiner Pensionärs-Gruppe hat sich Heiri Gantenbein wahnsinnig geärgert. Die Senioren diskutierten über die Arbeitszeiterhöhung bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der Firma Rutishauser Weinkellerei AG in Scherzingen. «Die Mitarbeiter wurden vor Tatsachen gestellt», sagt Heiri Gantenbein. Entweder wöchentlich drei Stunden Gratisarbeit leisten oder entsprechende Kürzungen bei den Ferien hinnehmen.

1997 ging Heiri Gantenbein nach 35 Dienstjahren bei der Firma Rutishauser in Pension. Heute kann er sich nicht vorstellen, weshalb eine nicht exportierende Firma zu solchen Massnahmen schreiten muss. Im Gegenteil – sie würde ja durch den starken Franken von günstigeren Weinimporten aus dem Ausland profitieren, sagt er.

Auf ein Jahr befristet

«Per April haben wir die Wochenarbeitszeit von 41,75 auf 44 Stunden angehoben», bestätigt Christian Häberli, Geschäftsführer der Rutishauser Weinkellerei mit ihren rund 85 Mitarbeitern. Zwar profitiere seine Firma von den aktuell günstigeren Importen, diese Gewinne gingen aber durch den starken Preisdruck auf dem Schweizer Weinmarkt wieder verloren, erklärt Häberli. Besonders in grenznahen Regionen habe der Einkauf und Konsum im benachbarten Ausland nochmals angezogen. Die Arbeitszeiterhöhung sei letztlich aber nur eine vorübergehende Massnahme, auf maximal ein Jahr befristet sei sie.

67 Anträge auf Kurzarbeit

Seit dem Entscheid der Nationalbank Mitte Januar senkten bereits mehrere Thurgauer Firmen die Produktionskosten, indem sie die Arbeitszeiten bei gleichbleibendem Lohn erhöhten. Bisher wurden einige Beispiele von stark exportierenden Industriebetrieben bekannt.

Rita Kägi, Geschäftsstellenleiterin beim Thurgauer Gewerkschaftsbund, kennt spontan «ein halbes Dutzend Fälle» von Thurgauer Firmen mit einer Gewerkschaft als Vertragspartner, die bereits längere Arbeitszeiten als Folge des starken Frankens einführten. Die Dunkelziffer dürfte aber mit Firmen ohne Bezug zu einer Gewerkschaft weit grösser sein. «Leider haben wir mit Ausnahme der Kurzarbeit keine statistische Erfassungen von solchen Massnahmen», sagt Edgar Sidamgrotzki, Leiter des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit auf Anfrage.

Sicher sei, dass seit Januar insgesamt 67 Anträge auf Kurzarbeit eingegangen seien. Er gehe davon aus, dass einige Firmen vorsorglich solche beantragt hätten. Erst die Abrechnung in einigen Monaten werde zeigen, wie viele Firmen tatsächlich Kurzarbeit durchführten. Sicher sei auch, dass im Thurgau seit Januar keine Massenentlassungen stattfanden.

An Versammlung informiert

Rutishauser-Pensionär Gantenbein erwähnt weiter, dass er in den letzten Tagen erfahren musste, dass die jetzige Geschäftsleitung mit dem Personal nur noch schriftlich verkehre. Die Angestellten seien wohl nur noch ein Kostenfaktor, kein Gespräch mehr wert, ärgert er sich. Früher hätte es das nicht gegeben. Ob das moderne Geschäftsmethoden oder gar die Handschrift aus Holland sei, fragt er rhetorisch. Denn 2009 übernahm die niederländische Baarsma Wine Group die Mehrheit des Thurgauer Traditionshauses am Bodensee mit seiner 125jährigen Firmengeschichte.

Bei Geschäftsführer Häberli klingt es dann aber ganz anders: «Wir informierten anlässlich einer Mitarbeiterversammlung die ganze Belegschaft», sagt er. Dabei seien auch Diskussionen entfacht. «Da haben wir zusätzliche Aufklärung geleistet.» Letztlich könne aber die Firma auf die Bereitschaft und das Verständnis ihrer Mitarbeitenden zählen.