Pragmatiker im besten Sinne

Zum Gedenken

Hubertus Adam
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René Antoniol (Bild: PD)

René Antoniol (Bild: PD)

Am 23. April ist der Frauenfelder Architekt René Antoniol im Alter von 83 Jahren gestorben.

Der Umbau des 1848 säkularisierten Klosters Tänikon zur Eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrarwirtschaft (1973 bis 1976) machte das Architektur­büro Antoniol + Huber auch über die Region Frauenfeld hinaus bekannt. Mit klaren und präzise gesetzten Baukörpern war es den Architekten gelungen, das verunstaltete Ensemble der alten Klosteranlage wieder lesbar zu machen. Die neuen Gebäude führen einen Dialog mit den bestehenden Bauten, sind aber mit ihrer gestalterischen Konsequenz auch Zeichen ihrer Zeit. Dass die Ästhetik der Siebzigerjahre eine heute heranwachsende junge Architektengeneration wieder zu faszinieren vermag, wird bei einem Besuch in Tänikon unmittelbar anschaulich.

René Antoniol, 1934 im thurgauischen Erlen geboren, hatte an der ETH Zürich Architektur studiert und sein Büro gemeinsam mit Kurt Huber 1969 in Frauenfeld gegründet. In den Jahrzehnten gemeinsamer Tätigkeit – Antoniol schied 2004 aus dem weiterhin bestehenden Büro aus, Huber 2013 – ist ein eindrucksvolles Werk entstanden, das vom Einfamilienhaus mit Blick über den Bodensee bis hin zur Kehrichtverbrennungsanlage Weinfelden Bauten mit ganz unterschiedlichen Funktionen und in ganz unterschiedlichen Massstäben umfasst. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, so eine mit dem renommierten Hugo-Häring-Preis ausgezeichnete Wohnsiedlung in Ulm, konzentrierte sich das Werk der Architekten auf den Thurgau.

Antoniol + Huber verstanden sich nicht als Architekturstars, sondern im besten Sinne als Pragmatiker. Bauliche Ikonen zu schaffen war nicht ihr Ziel; was ihr vielgestaltiges Werk verbindet, ist eine durchgängige Haltung. Charakteristisch ist ihr bedachter und einfühlsamer, aber niemals anbiedernder Umgang mit dem vorhandenen Baubestand, wie er sich nicht nur in Tänikon, sondern auch beim Umbau der Kartause Ittingen zum Kunstmuseum des Kantons Thurgau (1981 bis 1983) oder bei der Sanierung des ehemaligen Eisenwerks in Frauenfeld (1986 bis 1991) zeigt.

Anders als manche im Rampenlicht stehende Berufskollegen verfolgten sie beim Bauen keinen Minimalismus um seiner selbst willen. Es ging ihnen nicht so sehr um die formale Einfachheit, sondern um die Fokussierung auf das Wesentliche. Mit Beton wurde die Kehrichtverbrennungsanlage Weinfelden (1993 bis 1997) errichtet, das wohl wichtigste spätere Projekt von René Antoniol und Kurt Huber. Beton besteht aus Sand und Kies, Rohstoffe, die im Thurtal ausreichend zur Verfügung stehen. Beton ist aber auch das Baumaterial der gewaltigen Getreidesilos, welche die Ebene prägen. In die Abfolge dieser markanten Zweckbauten reiht sich die Kehrichtverbrennungsanlage ein. Eleganz und Funktionalismus, so zeigt sich hier aufs Deutlichste, müssen kein Widerspruch sein.

Hubertus Adam

Kunsthistoriker und Architekturkritiker, Zürich