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PORTRÄT: "Harte Arbeit": Ein Thurgauer Hirt über das Leben mit Schafen, Hunden und Wölfen

Nach seiner Pensionierung hat Otto Knöpfli eine Ausbildung zum Hirten absolviert. Er springt ein, wenn andere Hirten krank sind. So bewacht er Herden in der ganzen Schweiz.
Hannelore Bruderer
Otto Knöpfli vertritt Hirten in der ganzen Schweiz. Mit dabei ist immer sein Hirtenstab. (Bild: PD)

Otto Knöpfli vertritt Hirten in der ganzen Schweiz. Mit dabei ist immer sein Hirtenstab. (Bild: PD)

Hannelore Bruderer

nachrichten@ostschweiz-am-sonntag.ch

In seinem Beruf war Otto Knöpfli den Menschen ganz nahe. Zusammen mit seiner Frau Christina betrieb er in Bürglen 40 Jahre lang einen Coiffeursalon und bildete dort über 30 Berufsleute aus. Ein reges Umfeld mit stündlich wechselnder Kundschaft und immer wieder neuen Gesprächsthemen. Umso mehr erstaunt es, dass Knöpfli heute auf einsamen Alpen als Hirte arbeitet. Kann ein Hirte infolge Krankheit, Unfall oder anderen Umständen seiner Arbeit nicht mehr nachgehen, tritt schnell eine Notsituation ein. Dann bietet die Organisation Hirten Hilfe Schweiz einen Springer auf. So hat Otto Knöpfli im letzten Jahr rund neun Monate Freiwilligenarbeit geleistet und damit zum Erhalt der Natur, der Alpsömmerung und der Schafhirtenkultur beigetragen.

Vom Wolf zum Schaf

Als Coiffeur ging Otto Knöpfli frühzeitig in Pension und kümmerte sich zwei Jahre lang um seine betagte Mutter. Nach dieser Zeit sei der Drang, raus in die Natur zu gehen, schon gross gewesen, sagt er rückblickend. Den Grundstock für seine heutige Tätigkeit als Springer bei der Hirten Hilfe Schweiz legte aber seine Faszination für Wölfe. Um das Wesen und Verhalten dieser Wildtiere besser zu verstehen, wurde er Mitglied der Gruppe Wolf Schweiz. «Wölfe gehören in unsere Natur», sagt er. Dass dies einige Schafbesitzer anders sehen, versteht er. «Mit den richtigen Massnahmen zum Herdenschutz ist es möglich, dass Schafe und Wölfe im gleichen Gebiet leben. Dafür muss aber Geld in die Hand genommen werden und das Umdenken bei den Schafbesitzern erfolgt nicht von heute auf morgen.» Sein Interesse am Wolf führte Otto Knöpfli zum Thema Herdenschutz in den Alpen und zur Ausbildung zum Schafhirten in Visp. Vier Theorie-Module und ein Praktikum musste er absolvieren. Personen mit Kenntnissen über Wölfe seien für diesen Lehrgang besonders gefragt gewesen, sagt Knöpfli. Der Beruf Schafhirt ist für die meisten Kursteilnehmer eine Zweitausbildung, die sie im mittleren Erwerbsalter angehen. «Ich war der Älteste im Kurs», sagt der 71-Jährige lachend.

Auf der Alp kommen Herdenschutzhunde und Hütehunde zum Einsatz, mit denen sich der Hirte mit Worten und Gesten verständigt. Er habe keinen eigenen Hund und auch keine Schafe, sagt Knöpfli. «Springe ich für einen Hirten ein, so übernehme ich mit seiner Herde auch seine Hunde und seine Unterkunft», erklärt er. «Jeder Hund hat seinen eigenen Charakter. Am besten lässt man dem Tier Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Einmal ignorierte mich ein Hund länger als einen Tag, bevor er mich akzeptierte und begann, meine Anweisungen anzunehmen. Dann wurden wir ein gutes Team.»

Der Komfort in den Schäferhütten ist meist bescheiden. «Das Hirtenleben ist nicht so idyllisch, wie sich das viele vorstellen», sagt er, «meist ist es harte Arbeit.» So müssen zum Beispiel Gitterzäune im Rucksack zum nächsten Einsatzort getragen werden, die schnell einmal um die 30 Kilogramm auf die Waage bringen.

Regelmässiges Beobachten ist wichtig

Im unwegsamen Gelände ist Otto Knöpfli froh, dass er sich auf seinen Hirtenstab abstützen kann. Er hat einen besonders schönen Stab, den ihm seine Familie geschenkt hat. Regelmässig muss der Hirte seine Herde beobachten, damit kranke Tiere erkannt, ausgesondert und behandelt werden können. Zeit braucht auch das Zubereiten einer warmen Mahlzeit, für die erst ein Herdfeuer entfacht werden muss. Bleibt ihm trotzdem einmal Zeit für Musse, so spielt er auf seiner Mundharmonika.

Seine Einsätze im letzten Jahr führten ihn zu einer Herde mit 170 Ziegen im Wallis und zu Schafherden im Tessiner Calancatal und sogar ins Südtirol. Auch im Calanda-Gebiet hütete er Schafe – dort, wo ein Wolfsrudel haust. Einen Wolf in freier Wildbahn gesehen habe er trotzdem noch nie. In der Nähe seiner Herde seien die Wölfe aber gewesen. «Abends werden die Schafe in ­einen Nachtpferch getrieben, der durch eine elektrisch geladene Umzäunung gesichert und zusätzlich von den Herdenschutzhunden bewacht wird. Eines nachts bellten die Hunde aussergewöhnlich stark. Am nächsten Tag habe ich in der Umgebung dann eine gerissene Gämse und Kot von Wölfen gefunden.»

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