«Politisiere nicht für die Tribüne»

Vom Gemeinderat bis in den Ständerat: Brigitte Häberlis politische Laufbahn verlief bisher ruhig. Sie sei eine stille Schafferin. Nun will sie für eine zweite Legislatur in den Ständerat. Bundesrätin wolle sie aber nicht werden.

Michèle Vaterlaus
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Brigitte Häberli im Bundeshaus: Sie will für eine weitere Legislatur in den Ständerat. (Bild: Michèle Vaterlaus)

Brigitte Häberli im Bundeshaus: Sie will für eine weitere Legislatur in den Ständerat. (Bild: Michèle Vaterlaus)

BERN. «Hier im Bundeshaus bin ich die Frau Ständerätin. Es ist eine andere Welt. Man wird versorgt», sagt Brigitte Häberli (CVP) und fügt lachend an: «Aber wenn ich am Freitag jeweils nach Hause komme, dann ist der Kühlschrank leer, ich gehe in den Dorfladen einkaufen. Und ein Stapel voller Briefe wartet darauf, geöffnet zu werden.» Dem Milizsystem der Schweizer Politik kann die Thurgauer Ständerätin einiges abgewinnen. «Nach der Session erreicht man wieder den Boden der Realität.» Seit zwölf Jahren politisiert Häberli im Bundeshaus. Erst als Nationalrätin, seit 2011 als Ständerätin. Die Arbeit in der kleinen Kammer entspricht ihr sehr. Dort arbeite man konstruktiv und konzentriert, sagt sie. Deshalb will die CVP-Politikerin für eine weitere Legislatur ins Stöckli.

Arbeit im stillen

Bisher ist sie dort – im Gegensatz zur ihrer Arbeit im Nationalrat – noch nicht besonders aufgefallen. Häberli bezeichnet sich als stille Schafferin. «Ich politisiere nicht für die Tribüne. Das ist nicht mein Naturelle.» So ist sie in sozialen Netzwerken wenig präsent, ihren Blog betreibt sie nicht besonders aktiv. Dafür fehlt ihr die Zeit. Aber ihre Homepage sei immer aktuell, für die Wähler sei sie per Mail ständig erreichbar. Das ist ihr wichtig. Die Möglichkeit, sich per Mail mit der CVP-Ständerätin auszutauschen, werde nämlich oft genutzt. Ihre ruhige Art wird auch im Ständerat geschätzt. Karin Keller-Sutter (St. Galler FDP-Ständerätin) sagt: «Ich mag sie persönlich sehr.» Häberli sei zuverlässig und halte sich an Abmachungen. «Wir unterstützen uns gegenseitig.»

Häberli betont, dass ihre Arbeit, auch wenn sie im stillen passiere, Früchte trage. Mit ihrem Engagement, beispielsweise beim Nationalen Finanzausgleich, habe sie erreicht, dass der Thurgau weiter recht gut dastehe. Auch ihr Einsatz für die Landwirtschaft habe sich gelohnt, so dass die Direktzahlungen nicht noch mehr gekürzt wurden. Ein Steckenpferd von Häberli ist der Fluglärm. Doch diese Diskussion scheint fest zu stecken. «Das ist tatsächlich ein bisschen so», räumt sie ein. Der Staatsvertrag liege in Deutschland und Deutschland habe derzeit andere Sorgen als den Fluglärm. Aktuell geht es für Häberli in Bern sowieso darum, die Finanzierung von BTS/OLS zu sichern.

Hilfreich dabei sei die gute Zusammenarbeit mit ihrem Ratskollegen Roland Eberle (SVP). «Es erleichtert die Arbeit ungemein, wenn man sich gut versteht», sagt sie. Da beide in keiner Kommission gemeinsam sitzen, nütze das dem Kanton viel. Die Interessen seien breiter abgestützt.

Zwei bürgerliche Politiker vertreten den Thurgau im Ständerat. Wer setzt sich da für die linken Interessen ein? Sie habe durchaus soziale Anliegen, sagt Häberli. Sie setzt sich für die Familie und die Bildung ein. «Doch wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch den Familien gut. Alles hängt zusammen.» Vor den letzten Wahlen im Jahr 2011 wurde Kritik laut, dass Häberli gar keine bürgerliche Politikerin sei, sie sei zu links. Diese Kritiker seien verstummt, sagt Häberli. «Dies, obwohl ich noch die gleiche bin und die gleiche Politik mache. Ich habe mich nicht verändert. Das damals, das war Wahlkampf.» Im Ständerat gehe es sowieso nicht um die Partei, sondern um die Standesvertretung, um die Vertretung des Kantons Thurgau.

Viel von der Kritik habe sie damals nicht mitbekommen. «Ich habe drei Wochen vor den Wahlen aufgehört die Zeitung zu lesen.» Ihr Mann habe ihr das Wesentlichste, was sie wissen musste, erzählt. Das habe geholfen, sie sei nicht misstrauisch geworden und könne noch heute unbefangen ihre Politik machen. Ob sie dieses Jahr wieder auf die Zeitungslektüre verzichten wird, weiss sie nicht. «Die Ausgangslage ist eine andere. Ich bin bereits Ständerätin und trete zur Wiederwahl an.»

Zeit für die Familie

Häberlis politische Laufbahn verlief bisher ruhig: 1996 wurde sie auf Anhieb in den Gemeinderat von Bichelsee-Balterswil gewählt, im gleichen Jahr schaffte sie den Sprung in den Grossen Rat, 2003 wurde sie in den Nationalrat gewählt und seit 2011 ist sie Ständerätin. Folgt nun der Bundesrat? «Das ist kein Thema für mich. Man muss als Politiker seine Grenzen kennen», sagt sie. Das Amt als Ständerätin sei sehr vereinnahmend, mit allen Mandaten etwa ein 70-Prozent-Pensum. Ihr sei die Zeit mit ihrer Familie – ihren Kindern und Enkelkindern – wichtig. «Das würde ich zu Gunsten eines Bundesratsamtes nicht aufgeben.»