Politik nach Feng Shui

Turmspatz

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«Räbeliechtli, Räbeliechtli, wo gosch hi?» Freund Amsel und ich sitzen auf einem Fenstersims. Unter uns zieht der Lichterumzug der Kleinen vorbei. «Schön, nicht wahr?» «Geht so, brummt Amsel missmutig. «Ich frage mich die ganze Zeit, warum eine Regierungsrätin gerade hierher nach Steckborn zieht. Die Sache hat doch einen Haken.» «Und der wäre?» «Erinnerst du dich an das Theaterstück ‹Der Besuch der alten Dame›? Da kommt diese reiche Frau in ein kleines Städtchen und bringt mit ihrer Macht das ganze Leben durcheinander.»

«Und du glaubst, dass so etwas auch bei uns passieren könnte?» «Ich glaube nicht, ich weiss», sagt Amsel mit fester Stimme, «es gibt viele solche Fälle in der Geschichte.» «Das sind doch Verschwörungstheorien», versuche ich ihn zu beruhigen. «Dann erklär mir den Grund, Turmspatz.» «Es ist eben so, dass Frau Regierungsrätin nach Feng Shui lebt», beginne ich meine Erklärung. «Du musst dir den Kanton Thurgau als grosse Wohnung vorstellen. Das Thurtal ist der Eingangskorridor, Frauenfeld mit der Verwaltung das Arbeitszimmer der Regierung. Rechts liegt das Tannzapfenland mit ruhigen Abstellräumen, über den Seerücken kommst du ins Wohnzimmer mit Blick auf den See, ein Ort der Kraft und Kreativität. Absolut optimales Feng Shui, du kannst dein Leben nicht besser einrichten.»

«Feng Shui? Du spinnst doch.»«Wie du mit dem Besuch der alten Dame.» Wieder ziehen ein paar Lichter vorbei und ich habe eine Eingebung. «Es ist wohl ganz einfach, lieber Amsel. In Steckborn ist Frau Regierungsrätin nah bei Deutschland. Wenn die Mächtigen drüben einen Rat brauchen, wie sie ihre Krise meistern könnten, dann paddelt sie schnell rüber.»