PLATZGESTALTUNG: Eine buchstäblich verrückte Idee

Die Stadt St. Gallen tut sich schwer mit der Aufwertung ihres Marktplatzes. Zwei Anläufe sind gescheitert, nun werden neue Ideen diskutiert. Eine Wirtschaftsgruppe träumt von einer Piazza und will dafür Gebäude verschieben – die Vision ist schon älter.

Marcel Elsener
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Das Gebäude an prominenter Lage am Marktplatz beherbergt die Acrevis-Bank. (Bild: Urs Bucher)

Das Gebäude an prominenter Lage am Marktplatz beherbergt die Acrevis-Bank. (Bild: Urs Bucher)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Dritte Auflage einer leidigen Planungsgeschichte: Nach den gescheiterten Abstimmungen von 2011 und 2015 nimmt die Stadt St. Gallen einen neuen Anlauf zur Neugestaltung ihres zentralen ­Innenstadtraums mit Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt. Wie schon für das Areal Bahnhof Nord (Fachhochschule, Lokremise), sollen in einem partizipativen Verfahren mit allen möglichen «Anspruchgruppen» neue Ideen gefunden und strittige Fragen geklärt werden; ein erstes Forum hat im Januar stattgefunden, das zweite ist für April angekündigt. Breiter Konsens herrscht wenigstens darüber, dass es einen grosszügigen Korridor für den öf­fentlichen Verkehr braucht (die Halte­stelle Bohl ist die zweitwichtigste in der Agglomeration) und dass der Platz autofrei und vielfältig belebt sein soll.

Die zwei grössten Steine des Anstosses scheinen ausgeräumt: Die Wartehalle von Santiago ­Calatrava auf dem Bohl dürfte ­unangetastet bleiben, eine neue Parkgarage am Schibenertor wird wohl nicht gebaut (auch wenn die Bauherrschaft gegen die nicht erteilte Baubewilligung der Stadt rekurriert).

Vision soll Anstoss für eine Diskussion sein

Platz frei für einen städtebaulichen Wurf? Es wäre an der Zeit, meint die Wirtschaft Region St. Gallen (WISG) und lanciert ­einen überraschenden Vorschlag: Im Faltblatt «Vision Marktplatz+», das die Gruppierung vergangene Woche in alle St. Galler Haushaltungen verteilen liess, fordert sie beim Vadian-Denkmal einen «neuen, grossen und nach Süden ausgerichteten Marktplatz». Zu diesem Zweck sollen die Gebäude der Acrevis-Bank und des Restaurants Marktplatz nordwärts verschoben werden, hin zur ÖV-Strasse – sozusagen aus dem Weg geräumt. Kein Witz, sondern ein Anstoss für eine «Diskussion auf der richtigen Ebene», wie WISG-Präsident David Ganz sagt. Statt in der ­Bratwurst-Bürli-Bier-Stadt weiterhin über das «Triple-B der Bänkli, Bushüsli, Bäume» zu reden, müssten die St. Gallerinnen und St. Galler klären, was sie von ihrem Marktplatz erwarten und was darauf stattfinden soll. Ihre Vision einer geschlossenen Piazza nach dem Vorbild italienischer Städte wie Siena – «eine maximale Idealvariante mit hohem Anspruch» – unterstreicht die WISG mit Bildern aus Basel oder Paris, die als ermunternde Beispiele auch für die Umgebung dienen, etwa für attraktive Fussgängerverbindungen zum künftigen Campus der Universität St. Gallen am Platztor.

Die klotzigen Bauten, die den Marktplatz durchschneiden, einfach zu verschieben, ist buchstäblich eine verrückte Vorstellung. Bei den Eigentümern von Bank und Restaurant hat die Vision zunächst einmal Heiterkeit ausgelöst. «Sagt uns dann früh genug, wenn es losgeht, damit es uns beim Transport nicht von den Stühlen fegt», lacht Hugo Loretini, stellvertretender Geschäftsleiter der Acrevis AG. Ernsthaft kann er sich eine Hausversetzung nicht vorstellen, auch wenn es demnächst in St. Gallen zu einer solchen kommt (Text rechts); die Bank hat erst vor einem Jahr ihre Kundenhalle umgebaut und vor acht Jahren die Büros im zweiten und dritten Stock renoviert, und manche ihrer Einrichtungen stehen unter Schutz.

Das Problem ist die Nutzung des Gebäudes

Die kecke Vision trifft einen ­wunden Punkt der Stadtentwicklung, da sind sich Bauhistoriker einig: Das Bankgebäude – früher St. Gallische Creditanstalt (CA) – ist nicht irgendein Gebäude am Marktplatz. Der neuklassizistische Bau der Architekten von Ziegler & Balmer von 1933/34 nimmt den Platz des früheren Rathauses ein, das 1877 nach langen Debatten abgebrochen wurde. «Ein solches Gebäude einfach so nach Lust, Laune, Sonne und Pizza zu verschieben entspricht nicht fachlich ernst zu nehmenden Auseinandersetzungen mit Städtebau», sagt der Kunsthistoriker Peter Röllin, der das Grundlagenwerk zur Stadtveränderung St. Gallens im 19. Jahrhundert geschrieben hat. Dort lässt sich das Dafür und Dawider einer Bebauung des Marktplatzes vielstimmig nachlesen, mit manchen Vorwegnahmen heutiger Diskussionen. «Viel hundert Jahr versperrt uns schon das Rahthaus dorten quer die Gasse, doch wenig Jahre wird’s noch gehen, wird endlich frei auch uns’re Strasse», hiess es 1874 auf einer Umzugsinschrift.

Hingegen schimpfte der Architekt Eugen Faller 1899 in einer Studie zu einem Rathaus-Neubau, dass die Marktgasse nach dem Abbruch «sozusagen gestaltlos» wurde: eine «Platzgestalt, die, allen städtischen Charakters bar, einem grossen Dorfplatz ähnelnd, eine Missgeburt genannt werden muss». Heute sei das Problem an diesem Platzraum weniger das Gebäude Marktplatz 1, sondern dessen Nutzung als Bank, meint Röllin. «Die hohen Räume am zentralsten Ort der Stadt wären prädestiniert für ein Gran Caffè mit drei Platzseiten. Der schöne, grossstädtische Arkadenraum auf Seite Vadian-Denkmal evoziert abstossende Leere.»

«Sehr interessant» findet Kantonsbaumeister Werner Binotto die Idee eines erweiterten Marktplatzes. Allerdings würde er bei neuen Bebauungen ein öffentliches Gebäude bevorzugen. Der Kantonsbaumeister und andere Baufachleute erinnern dabei an einen 1986 im alten Lagerhaus ausgestellten Entwurf, der die meisten der gegenwärtig brennenden Fragen thematisierte: Der St. Galler Architekt Bruno Clerici widmete seine Diplomarbeit an der Kunstakademie Düsseldorf einer «Stadthalle am Marktplatz in St. Gallen».