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PILOTVERSUCH IN DER OSTSCHWEIZ: Plastiksammeln fällt durch

Im Thurgau und in Teilen von St. Gallen läuft ein Pilotversuch mit Kunststoffrecycling. Die Resonanz ist gross, und die Bevölkerung sammelt Plastik wie wild. Nun stellt eine Studie die Sinnfrage neu: Der ökologische Nutzen sei klein und teuer erkauft.
Christian Kamm
Für Plastikabfall, der rund 15 Prozent des privaten Mülls ausmacht, gibt es im Thurgau und im westlichen Kanton St. Gallen seit Herbst 2015 einen Kuh-Bag. (Bild: Andrea Stalder)

Für Plastikabfall, der rund 15 Prozent des privaten Mülls ausmacht, gibt es im Thurgau und im westlichen Kanton St. Gallen seit Herbst 2015 einen Kuh-Bag. (Bild: Andrea Stalder)

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch

Anlässlich der Lancierung waren nur Superlative gut genug. Der Thurgau sei in der Entsorgungsbranche als «Silicon Valley» des Kunststoffrecyclings bekannt, schrieb Peter Steiner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der KVA Thurgau, zum Start des Kuh-Bags im Oktober 2015. Zusammen mit dem Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) wurde damals in der Tat ein neues Kapitel im Recycling aufgeschlagen. Erstmals wird in einem grösseren Gebiet flächendeckend Kunststoff aus den Haushalten für die Wiederverwertung gesammelt. Mit einem Kuh-Bag für zwei Franken ist man dabei. Und wie sich bald zeigte: Sehr viele wollten dabei sein und damit etwas Gutes tun für die Umwelt und die Schonung der Ressourcen.

Ist das in anderen Gegenden der Schweiz kritisch beäugte Thurgauer Kunststoffrecycling also eine Erfolgsgeschichte? Das wird sich noch weisen müssen, denn der Pionierversuch ist auf zwei Jahre angelegt. Dieses Jahr läuft das Monitoring aus. Dann wollen die Verantwortlichen Bilanz ziehen und entscheiden, ob oder wie es weitergeht. Viel zu besprechen haben sie allerdings jetzt schon. Denn seit Mitte Juli liegt die Studie «KuRVe» (Kunststoff Recycling und Verwertung) auf dem Tisch, die das Thurgauer Amt für Umwelt zusammen mit anderen Kantonen und dem Bund in Auftrag gegeben hat. Dort haben das Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik (Umtec) und die Carbotech AG, Umweltprojekte und Beratung, das Sammeln von Kunststoffabfällen in Haushalten untersucht. Und kommen zu ernüchternden Schlüssen. Zum einen sei der ökologische Nutzen, zum Beispiel im Vergleich mit PET-Recycling, klein. «Der potenzielle ökologische Nutzen einer neuen Kunststoffsammlung pro Person und Jahr entspricht etwa der Einsparung einer Autofahrt von 30 Kilometern pro Person und Jahr», haben die Autoren errechnet. Ob im Bring- oder Holsystem gesammelt werde, spiele kaum eine Rolle. Dazu kommt, dass dieser geringe Umweltnutzen gleichzeitig seinen Preis hat. So kostet die Entsorgung von Kunststoff via Kehrichtsack rund 250 Franken pro Tonne. Im Rahmen einer separaten Kunststoffsammlung liegt sie laut Studie aber beim Dreifachen (750 Franken). Fazit der Untersuchung: «Mit dem Kunststoffrecycling wird ein vergleichsweise geringer Umweltnutzen ziemlich teuer erkauft.»

Empa schaut in die Sammelsäcke

«Ja, wir haben die Studie zur Kenntnis genommen», sagt Beat Baumgartner, Chef des Thurgauer Umweltamtes, welches das Projekt der beiden Abfallzweckverbände begleitet. Dass die Sinnfrage gestellt werde, sei allerdings nicht neu. Aus diesem Grund habe man die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa mit an Bord geholt, die den Versuch mit einem Monitoringsystem auswerte. «Für uns war von Anfang an klar: Wenn wir etwas machen, wollen wir es auch gut und fundiert machen.» So werden Kuh-Bags periodisch ausgewertet und geschaut, welcher Anteil des Inhalts tatsächlich wiederverwertbar ist. Denn diese Quote dürfte letztlich für die Zukunft des Kuh-Bags entscheidend sein.

Die Erwartungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Ein nationales Fachgremium «Runder Tisch Kunststoffrecycling» ging in seinem Schlussbericht noch davon aus, dass drei Viertel des Kunststoffs mit sinnvollem Aufwand nicht rezyklierbar sei. Die KVA Thurgau rechnete zu Projektbeginn mit mindestens 50 Prozent. Und eine erste Zwischenbilanz nach einem halben Jahr Kuh-Bag bescheinigte der Bevölkerung eine «sehr gute Sammelmoral». Nach ersten Schätzungen der Experten lag der Anteil des wiederverwertbaren Materials zwischen 60 und 70 Prozent. Voll auf Kurs also? Zu den Zahlen schweigt Baumgartner. «Schliesslich befinden wir uns kurz vor der Zielgeraden.» Ende September würden die Empa-Zahlen ausgewertet, und es gebe einen Bericht. Nur so viel: «Der Kurs ist nicht schlecht.»

Als ob man schon immer darauf gewartet hätte

Expertenmeinungen hin oder her: Die Bevölkerung hat bereits entschieden. Und sammelt Plastik, als ob sie schon immer darauf gewartet hätte. «Die Motivation ist sehr hoch», bestätigt Virgil Koster, Leiter Logistik beim ZAB, die Tendenz weiter zunehmend. Und auch die gesammelte Menge Kunststoff lege laufend zu. «Im Grossen und Ganzen läuft es auch bei den Annahmestellen sehr gut», sagt Koster. Selbst die Autoren der kritischen «KuRVe»-Studie rechnen übrigens damit, dass das Plastikrecycling noch Potenzial hat. Der Nutzen aller Kunststoffsammelsysteme werde zunehmen, prognostizieren sie. «Die Recyclingqualität respektive die Industrierückführungsquote steigt zukünftig an.»

Wenn nicht alles täuscht, könnte es im Herbst im Thurgauer Silicon Valley also sehr wohl heissen: Weiter sammeln!

Das gehört in den Kuh-Bag

Mit dem 2015 lancierten Kuh-Bag sollen 50 Prozent der gesammelten Kunststoffe in den Recycling-Kreislauf zurückgeführt werden. In einen Kuh-Bag gehören zum Beispiel Shampoo- und Wasch­mittelflaschen, Öl- und Essigflaschen, Lebensmittelverpackungen, Eimer aus Kunststoff, Kanister, Blumentöpfe, Milchverpackungen und Getränkekartons sowie Folien. Nicht erwünscht sind: stark verschmutzte Verpackungen von Grillwaren und anderen Lebensmitteln, Einweggeschirr, Spielzeug oder Gartenschläuche. Auch Kunststoffe im Verbund mit anderen Materialien eignen sich nicht für die Sammlung. (ck)

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