Pilgern wie die Inder

«Sagt dir Varanasi und der Ganges etwas?», fragt mein Cousin, der Steckborner Turmspatz. «Warum willst du das wissen?» «Wassertourismus könnte etwas für euch sein», sagt er und gibt mir zum Abschied ein Büchlein mit dem Titel «Pilgern zum heiligen Wasser».

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«Sagt dir Varanasi und der Ganges etwas?», fragt mein Cousin, der Steckborner Turmspatz. «Warum willst du das wissen?» «Wassertourismus könnte etwas für euch sein», sagt er und gibt mir zum Abschied ein Büchlein mit dem Titel «Pilgern zum heiligen Wasser». Am Abend braue ich eine Kanne Chai, indischen Milchtee, und beginne zu lesen. Die heilige Stadt Varanasi am Ganges lebt sehr gut von den Gläubigen, die bei Sonnenaufgang im Fluss baden und ihre Opfergaben dem Wasser übergeben. Viele Touristen reisen in die Stadt, weil sie diesen spirituellen Moment miterleben wollen. «Das ist es», sage ich mir und entwerfe gleich ein neues Tourismuskonzept für unser Rheinstädtchen. Früh am Morgen fliege ich flussaufwärts. Und da staune ich nicht schlecht, als ich auf der Ufermauer einige Männer in senffarbenen Kleidern sehe. Eben legen sie Gurkenscheiben und Salatblätter auf Rindenschiffe, stellen brennende Kerze dazu und lassen sie murmelnd davontreiben. Draussen auf dem Fluss ankern zwei Fährboote der Pontoniere, gut gefüllt mit Touristen aus aller Welt, die im wiedereröffneten Unterhof logieren. «Achtung, kalt», rufe ich den Pilgern zu, die im Lendenschurz ins Wasser steigen wollen. «Kein Problem», sagt da ein Stimme neben mir. Ich erkenne den Schlattinger Gemüsebauern, der an einem Hahn dreht. Sofort beginnt es im Rhein zu blubbern. «Nicht zu heiss bitte», ruft einer der Badenden und lässt sich ins dampfende Wasser sinken, während der Mann neben mir die Temperatur im Fluss regelt. Die Kameras klicken, dann fahren die Touristen ins Hotel zum Frühstück. «Ende der Show.» Die Pilger verwandeln sich in portugiesische Landarbeiter, die davoneilen, um in den Gewächshäusern des Bauern Salat zu schneiden. Selten sind neue Konzepte so schnell und gewinnbringend umgesetzt worden, denke ich staunend.