Pilgern mit Heiligen und Fürsten

Ueli Gubler führt Gruppen entlang des Jakobsweges im Kanton Thurgau. Der Stettfurter kennt jede Kirche zwischen Konstanz und Einsiedeln. Ihm geht es jedoch nicht um spirituelle Erfahrungen. Er vermittelt Geschichte. Eine Reportage von Inge Staub (Text) und Donato Caspari (Fotos).

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Ueli Gubler erzählt in der Heiligkreuz-Kapelle Bernrain die Legende vom Wunderkreuz. Diese wird im Gemälde an der Wand dargestellt.

Ueli Gubler erzählt in der Heiligkreuz-Kapelle Bernrain die Legende vom Wunderkreuz. Diese wird im Gemälde an der Wand dargestellt.

KREUZLINGEN. «Diese Kirche liegt zwar am Jakobsweg, gebaut wurde sie jedoch nicht für die Pilger», sagt Ueli Gubler, während er die Wallfahrtskapelle Heiligkreuz in Bernrain oberhalb von Kreuzlingen betritt. Der Innenraum wirkt mit seinem intensiven Weiss frisch renoviert. Ein Gemälde, das an der linken Wand hängt, ist ein Blickfang. «Dieses Bild dokumentiert die Legende um die Entstehung dieser Kirche», sagt Gubler. Ein Konstanzer Leinenweber habe das Gotteshaus gestiftet, weil 1384 an diesem Ort ein Knabe ein Holzkreuz verspottet habe. Der Bub sei daran hängen geblieben und durch ein Wunder befreit worden, erzählt der Pilgerführer, ganz in seinem Bericht aufgehend.

Wunderkreuz in Kreuzlingen

Die Geschichte der Gotteshäuser am Jakobsweg ist die Passion des 66-Jährigen. Der ehemalige Gemeindeammann von Stettfurt begleitet Gruppen auf dem Pilgerweg, meistens auf dem Schwabenweg – der Etappe zwischen Konstanz und Einsiedeln. Dabei geht es Ueli Gubler nicht in erster Linie darum, den Teilnehmern eine spirituelle Erfahrung zu ermöglichen, sondern Geschichte zu vermitteln. «Ich bin kein Seelsorger. Mich interessieren historische Zusammenhänge.» Wer mit Ueli Gubler auf dem Schwabenweg unterwegs ist oder einem seiner Vorträge lauscht, der erfährt zum einen Wissenswertes über Kunstschätze, die in den Kirchen am Wegesrand zu sehen sind, zum anderen über Fürsten, die einst die Thurgauer Gemeinden regiert haben. «Man wandert quer durch die 150 Herrschaften des Thurgaus, in welche der Kanton nach der ersten Jahrtausendwende aufgeteilt worden ist.» Ihre Spuren hinterlassen haben neben den regionalen Herrschern vor allem das Bistum Konstanz, das Kloster Einsiedeln und die Habsburger.

Die Kapelle Bernrain, einst Filiale von St. Stephan in Konstanz, ist ein Beispiel für einen historischen Ort, der Einblick in die Turbulenzen während der Reformation gibt. Als Konstanz 1527 reformiert wurde und damit auch Bernrain, flüchtete der Kaplan mit dem Wunderkreuz. Nach der Rekatholizierung kam es 1647 nach Bernrain zurück. «1655 musste das Kreuz ein zweites Mal wegen Kriegsgefahr in Sicherheit gebracht werden. Dieses Mal in die Mutterkirche St. Stephan in Konstanz», erzählt Gubler. Seine Zuhörer erfahren, dass das Kreuz 1664 in einer feierlichen Prozession von Konstanz zurückgeführt worden war. 50 Jahre später wurde es im Toggenburger Krieg ein letztes Mal versteckt. Seitdem steht es wieder auf dem Hauptaltar über dem Tabernakel.

Ingenieur beim Tiefbauamt

Ueli Gubler war schon immer an Geschichte interessiert. In seiner Zeit als Gemeindeammann hat er eine Transkription eines 300seitigen Tagebuches, das während der Wirren der Einfälle der Franzosen und während der «Helvetik» von einem Stettfurter Bauern und Bäcker geschrieben wurde, gefertigt. Dass er sich intensiver mit den Sakralgebäuden am Jakobsweg befasst, ist einem Zufall zu verdanken. Der pensionierte Ingenieur war 34 Jahre lang beim Tiefbauamt des Kantons Thurgau tätig. Als 1988 die Thurgauer Regierung beschlossen hatte, den Jakobsweg von Konstanz nach Fischingen aus zu schildern, hiess es in der Baubehörde: «Das machen Sie.» Und so legte Ueli Gubler die Wegführung fest und wurde im Laufe dieser Arbeit selbst zum Pilgerwegfan. Er kennt nicht nur den Thurgauer Teil des Jakobsweges. In mehreren Etappen ist er bis zu den Pyrenäen gepilgert, 1600 Kilometer hat er zurückgelegt. Über jede Kapelle, auf die er unterwegs traf, hat er eine Dokumentation angelegt. Seine Recherchen füllen mittlerweile 18 Ordner.

Da er den Thurgauer Jakobsweg selbst ausgesteckt hat, weiss Ueli Gubler: «Der Weg ist immer dynamisch gewesen.» Im Laufe der Jahre ist die Route an vielen Stellen verlegt worden. So kam sie zum Beispiel in Tobel einer Landumlegung in die Quere. In Märstetten wurde der Weg bewusst ausserhalb des Dorfes belassen. «Die Leute wollten die Pilger nicht im Dorf haben, weil oft etwas gestohlen worden war.» Wer also auf dem Jakobsweg in Richtung Märstetten unterwegs ist, muss gezielt einen Abstecher ins Dorf machen, möchte er das Kleinod, das es dort zu entdecken gibt, nicht verpassen. In der reformierten Kirche St. Jakob kann eine spätgotische Chorbogenbemalung bestaunt werden, die das Jüngste Gericht zeigt. Besonders ist zudem, dass der Chor in den Turm integriert ist und der Turm Teil des Kirchenraumes ist. Auch für Märstetten war einst der Bischof von Konstanz zuständig.

Stempel in Märstetten

Wer sich in der Kirche eingefunden hat, kommt nicht umhin, sich in das aufliegende Pilgerbuch einzutragen. Reinhold aus Oberschwaben hält darin fest, dass er in Märstetten eine «Stätte der Ruhe» gefunden habe, «die Kraft gibt auf dem weiteren Weg, auch wenn es regnet». Mit einem Stempel kann die Pause in der Jakobskirche im Pilgerpass verewigt werden.

Der heiligen Margaretha ist die Kapelle in St. Margarethen geweiht. Hier wird bereits der Einfluss des Klosters Fischingen und seiner Heiligen, der Idda, sichtbar. 1316 waren die Rechte an dieser Kirche an Fischingen übergegangen. Abt Placidus liess sich mit seinem Familien- und dem Klosterwappen auf dem Schlusstein im Altarhaus verewigen. An der rechten Wand der Kapelle hängt ein Gemälde, das Idda mit dem Hirsch zeigt.

Kritzeleien in St. Margarethen

Dass an dieser Kapelle schon seit Jahrhunderten Pilger eine Rast einlegen, belegen die Kritzeleien an den Wänden. Diese waren bei der Restauration zutage getreten. «Das ist Geschichte zum Anfassen. Wenn man die Inschriften der Pilger betrachtet, hat man das Gefühl, diese seien erst gestern hier gewesen», sagt Ueli Gubler.

Die Kirchen in Bernrain, Märstetten und St. Margarethen sind nur drei von rund 20 Stationen, über die Ueli Gubler zwischen Konstanz und Einsiedeln Legenden und historische Ereignisse erzählen kann. Er hält fest: «Es gibt landschaftlich spektakulärere Wanderwege als den Schwabenweg, aber keine geschichtsträchtigeren.»

Idda mit dem Hirschen auf einem Gemälde in St. Margarethen. (Bild: Donato Caspari)

Idda mit dem Hirschen auf einem Gemälde in St. Margarethen. (Bild: Donato Caspari)

Gut ausgeschildert: Von Bernrain bis Märstetten ist man gut drei Stunden unterwegs.

Gut ausgeschildert: Von Bernrain bis Märstetten ist man gut drei Stunden unterwegs.

In der Kirche Märstetten verewigten sich Pilger an den Wänden. (Bild: Donato Caspari)

In der Kirche Märstetten verewigten sich Pilger an den Wänden. (Bild: Donato Caspari)