«Patientin ist stur und eigensinnig»

Psychiatrische Klinik Münsterlingen: Unzählige Frauen wurden im 20. Jahrhundert in der Schweiz gegen ihren Willen sterilisiert oder zum Abbruch der Schwangerschaft genötigt. Psychiatrische Gutachten gaben den Ausschlag. Noch 1979 befürwortete Chefarzt Roland Kuhn eine Abtreibung.

Inge Staub
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So manche Frau stand wohl in den vergangenen Jahrzehnten am Ufer des Bodensees bei Münsterlingen – aber nicht alle sahen nur Schatten in ihrem Leben. (Archivbild: Nana do Carmo)

So manche Frau stand wohl in den vergangenen Jahrzehnten am Ufer des Bodensees bei Münsterlingen – aber nicht alle sahen nur Schatten in ihrem Leben. (Archivbild: Nana do Carmo)

MÜNSTERLINGEN. «Die Patientin ist eigensinnig und lässt sich nichts sagen», charakterisiert der ehemalige Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Roland Kuhn, im Jahr 1979 eine seiner Patientinnen. Er sollte ein Gutachten erstellen, das eine Abtreibung empfahl.

Bis in die 80er-Jahre wurden in der Schweiz unzählige Frauen zur Abtreibung und zur Sterilisation gedrängt. Mit der Diagnose «schizophren», «sexuell pervers» oder «sexuell zügellos» wurden junge Frauen nicht nur in der Zeit zwischen 1890 und 1945, sondern auch in den Nachkriegsjahren Opfer ärztlicher Macht.

«Diese Eingriffe wurden häufig gegen den Willen oder unter erzwungener Einwilligung der betroffenen Personen vorgenommen», heisst es im Bericht der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrates vom 23. Juni 2003. Die eidgenössischen Räte diskutierten damals über die Möglichkeit, Zwangssterilisierte zu entschädigen. 2004 wurde das Vorhaben verworfen.

Notfallmässig angemeldet

Wie die Jahresberichte belegen, verfassten die Münsterlinger Psychiater jährlich mehrere Dutzend Gutachten, in denen sie die «Ehefähigkeit» oder die «Schwangerschaftsfähigkeit» der zu ihnen überwiesenen Frauen beurteilten. In seinem Tagebuch schildert Chefarzt Roland Kuhn einen solchen Fall: «29.12.1979: Von 10.30 bis 11.30 Uhr Empfang einer schizophrenen Patientin, die gestern notfallmässig angemeldet worden ist für die Indikationsstellung zur Interruptio (Schwangerschaftsabbruch). Es ist, wenn überhaupt noch möglich, höchste Zeit. Es handelt sich um eine Patientin, die in den letzten zehn Jahren siebenmal hospitalisiert worden war in der Klinik wegen schizophrenen Schüben und einem recht schweren, dauernden Defektzustand mit manieriertem (affektiertem) Wesen, grossen Anpassungsschwierigkeiten und allem, was dazu gehört. Der Fall muss notfallmässig untersucht werden, damit wenn möglich noch nächste Woche die Interruptio durchgeführt werden kann.

Die Situation ist einerseits sehr einfach, andererseits will die Patientin sich in sturer Weise nicht unterbinden lassen, angeblich hat ein Gynäkologe in St. Gallen gesagt, Geschlechtsverkehr und eine Schwangerschaft würden ihren psychischen Zustand heilen. Der Hausarzt in Arbon hat gefunden, es seien dringend die Depotneuroleptica (Beruhigungsmittel) abzusetzen, die Mutter erklärt, es gehe deutlich schlechter. Offenbar sind wir bald wieder soweit, dass sie hospitalisiert werden muss.

Die Patientin lässt sich nichts sagen, ist eigensinnig, hat viel Streit mit der Mutter und ist schon in unbeschreiblich verwahrlostem und verschmutztem Zustand in die Klinik gekommen.

20 bis 22.30 Uhr Diktat zunächst des Interruptiozeugnisses und anschliessend verschiedene Psychotherapien.»

«Frech und arrogant»

Dass ganz normale Frauen in die Mühlen der Psychiatrie geraten sind, belegt die Geschichte von Bernadette G. Die Journalistin Jolanda Spirig dokumentierte den Fall in ihrem Buch «Widerspenstig – Zur Sterilisation gedrängt.»

Bernadette G. wuchs als Pflegekind in einer frommen Familie auf und sollte auf den rechten Weg gebracht werden. 1971, als das Mädchen 17 Jahre alt war, beklagten die Pflegeeltern, dass Bernadette frech und arrogant sei. Sie liessen sie an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen psychiatrisch abklären. Oberarzt Dr. W. kam zum Schluss, dass «eine psychopathische Charakterstruktur» die Hauptrolle für das Verhalten des Mädchens spiele. Wie Jolanda Spirig schreibt, wurde dieser Befund nie hinterfragt. Er bildete die Grundlage für ein Gutachten der Psychiatrischen Klinik Wil, das, als Bernadette G. mit 18 Jahren schwanger wurde, eine Abtreibung als auch eine Sterilisation empfahl. Die Pflegeeltern drängten die junge Frau, beide Eingriffe durchführen zu lassen.

Als Jenische sterilisiert

Der Zürcher Historiker Thomas Huonker schildert den Fall einer Jenischen, die ebenfalls in den 80er-Jahren zur Abtreibung genötigt worden war. Sie durchlief verschiedene Heime, darunter St. Iddazell in Fischingen. 1968 kam sie ins Burghölzi (Psychiatrie in Zürich). Es folgten Wil und Münsterlingen. Ihr Anwalt hielt fest, dass sie später auch in den Kliniken Biel, Herisau und Littenheid weilte. B. K. wurde in einigen dieser Kliniken mit Elektroschocks, in anderen medikamentös behandelt, zudem «insgesamt 6 x am Kopf operiert». Der Direktor der Klinik Littenheid entliess sie schliesslich 1978 definitiv aus der psychiatrischen Behandlung.

1980 wurde die Frau schwanger. Die Schwangerschaft wurde auf Betreiben ihres Vormundes im sechsten Monat abgebrochen. «Ohne Zustimmung von Frau K. wurde dieser Eingriff gleich auch zum Anlass genommen, eine Unterbindung vorzunehmen», schreibt Huonker. Er kritisiert: «Unerwähnt bleibt in dieser psychiatrischen Akte, dass B. K. im Kinderheim Iddazell, Fischingen, vom dortigen Priester sexuell missbraucht wurde.»

Zolliker, der Eugeniker

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