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Parteien sind milde gestimmt

Die verurteilte Chefärztin Gynäkologie bleibt am Spital Wil tätig. Ist das für ein öffentliches Spital vertretbar? Schadet der Fall dem Image öffentlicher Spitäler? Die härteste Haltung vertreten die Grünliberalen.
Regula Weik
Zugang zum Spital Wil. (Bild: Urs Jaudas)

Zugang zum Spital Wil. (Bild: Urs Jaudas)

ST. GALLEN. Eine Chefärztin stellt eine Fehldiagnose. Die Patientin stirbt; sie verblutet nach einer Totgeburt. So geschehen im Herbst 2007 im Spital Wil. Die verantwortliche Chefärztin Gynäkologie erhält einen Coach zur Seite gestellt. Das Vertrauen in die Ärztin sei da, ihre fachliche Qualifikation unbestritten, und sie habe seit dem tragischen Ereignis gute Arbeit geleistet. So begründet der Verwaltungsrat der Spitalverbunde seinen Entscheid, die Chefärztin weiter in ihrer Funktion im Spital Wil zu beschäftigen (Ausgabe vom 1. September).

Wie werten die Parteien diesen Entscheid?

CVP: Kritik an Information

Eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren – dazu hat das Kreisgericht Wil die Chefärztin Gynäkologie verurteilt – lasse auf «ein sehr schweres Verschulden» schliessen, hält die CVP fest. Das hätte wohl auch ihre Freistellung oder Entlassung gerechtfertigt. Nachdem die Frau seither gute Arbeit geleistet habe, sei der Entscheid des Verwaltungsrats aber «nachvollziehbar».

Die Tatsache, dass ein Imageschaden entstanden ist, lasse sich nicht schönreden. «Der entstandene Vertrauensverlust wäre – zumindest teilweise – durch eine frühzeitige und transparente Kommunikation zu vermeiden gewesen», so die CVP.

GLP: Zurückstufen

Für die Grünliberalen ist klar: «Als Chefin ist die Ärztin und Gynäkologin nicht mehr tragbar.» Die Frau könne weiterhin im Spital Wil arbeiten, aber ihre Cheffunktion müsse sie abgeben. «Sie muss nicht entlassen, aber zurückgestuft werden. Es braucht keinen teuren Coach, sondern einen neuen Chef, der sie beaufsichtigt.»

Die Chefärztin habe mit dem «auf Statusbewusstsein beruhenden unmöglichen Verhalten gegenüber Mitarbeitenden damals klar demonstriert, dass sie für eine Führungsposition nicht geeignet ist». Daher halten die Grünliberalen weiter fest: «Diese fehlende Sensibilität bestätigt die Chefärztin noch heute, wenn sie auch nach der Verurteilung nicht selbst die Konsequenzen zieht. Wer will oder kann unter einer verurteilten Chefärztin noch arbeiten?»

FDP: Keine Sündenböcke

Die Hintergründe des Behandlungsfehlers seien «seriös» aufgearbeitet, und der Chefärztin sei ein Coach zur Seite gestellt worden. Der Verwaltungsrat, so die FDP, habe «alles im menschlichen Ermessen Liegende» getan, um die Wiederholung einer solchen Tragödie im Spital Wil zu vermeiden – «mehr kann und darf man fairerweise nicht erwarten».

Der Verwaltungsrat habe mit seinem Entscheid «nicht den Weg des geringsten Widerstands gewählt, sondern Mut bewiesen». Spitalbehandlungen seien immer mit einem Restrisiko behaftet, so die FDP. Auch wenn die Gesellschaft immer schlechter damit umzugehen wisse, wäre es «moralisch falsch, Personen, die pflicht- und verantwortungsbewusst ihre Leistung erbringen und dabei Fehler begehen, automatisch als Sündenböcke zu brandmarken».

SP: Fehlerkultur stärken

«Das Wohl der Patientinnen und Patienten steht an höchster Stelle», hält die SP fest. Der Entscheid sei «bestimmt wohlüberlegt» und «nachvollziehbar», nachdem der Coach, die zuweisenden Ärzte, die Belegschaft und die Patientinnen der Chefärztin das Vertrauen ausgesprochen hätten.

Die Fehlerkultur in den Spitälern müsse weiterentwickelt und verstärkt werden, sagt die Partei weiter. Und: «Dass das ausgeprägte Hierarchiedenken in den Spitälern mit der Schaffung eines auch dem Personal der Landspitäler zugänglichen Hintergrunddienstes gebrochen wird, ist notwendig.» Dass auch die Kommunikationsabläufe überprüft werden, sieht die Partei als «zusätzlichen Entwicklungsschritt, der für ein öffentliches Spital sehr wichtig ist».

SVP: Keine politischen Aktionen

Die SVP ist überzeugt, dass die gesamte Spitalführung viel aus dem Vorfall gelernt hat, und sie kommt zum Schluss: Vom medizinischen Handwerk bis zur Kommunikation der Departementsführung seien Verbesserungen angebracht. «Aus Rücksichtnahme auf die Angehörigen der verstorbenen Mutter wird es zum jetzigen Zeitpunkt aus Sicht der SVP-Fraktion keine weiteren politischen Aktionen geben.»

Grüne: Rechenschaft schuldig

Nach fünf Jahren – so lange liegt der Todesfall zurück – positiver Erfahrung mit der Chefärztin sei der Entscheid richtig, halten die Grünen fest. «Wenn eine verurteilte Ärztin für ein öffentliches Spital nicht tragbar ist, kehren wir zurück in die Zeit der Götter in Weiss, in der suggeriert wurde, dass Ärztinnen und Ärzte unfehlbar sind. In der Folge werden wir keine qualifizierten Ärztinnen und Ärzte mehr finden, die diese Verantwortung auf sich nehmen.»

Die Grünen weiter: Jeder Fehler schade dem Image eines öffentlichen Spitals. Die Verantwortlichen seien Rechenschaft schuldig, was, wann, wo, warum geschehen ist und was unternommen wurde, damit sich ein Fehler nicht wiederholt.

EVP: Sorgfältig analysiert

Die EVP ist überzeugt: Die weitere Anstellung der Chefärztin führe zu keinem Imageschaden für das Spital Wil. Zumal die Frau den Fehler eingestanden habe und bereit sei, die getroffenen Massnahmen mitzutragen. Wichtig sei, dass solche Fälle genau analysiert und «dann möglichst alle Gefahrenquellen ausgeschaltet» würden. Das Spital Wil habe aus dem tragischen Ereignis Lehren gezogen.

BDP: Richtiger Entscheid

«Fehler können passieren, auch wenn sie, wie in diesem Fall, tragische Folgen haben.» Die BDP befürwortet, dass die Chefärztin ihren Job behalten kann – nicht zuletzt auch wegen der Massnahmen, die das Spital Wil getroffen habe.

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