Panik-Geschenke im Advent

Eine Volksinitiative sorgt für Nervosität unter Vermögenden. Sie will rückwirkend auf 2012 eine nationale Erbschaftssteuer einführen. Hunderte von Thurgauern verschenken vorsorglich ihre Häuser an ihre Kinder.

Christof Widmer
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Grossen Erbschaften droht eine nationale Erbschaftssteuer. (Bild: fotolia)

Grossen Erbschaften droht eine nationale Erbschaftssteuer. (Bild: fotolia)

FRAUENFELD. Markus Donatsch ist in diesen Wochen ein gefragter Mann. Der Grundbuchverwalter im Kreis Steckborn kann sich vor Arbeit kaum mehr retten. Der Grund: Die Vermögenden reagieren nervös auf eine Volksinitiative, die eine nationale Erbschaftssteuer einführen will – und das per 1. Januar 2012. Noch ist die Initiative nicht einmal eingereicht (Box). Trotzdem wollen auch im Thurgau Hunderte Eltern der Steuer zuvorkommen und übertragen einen Teil ihres Vermögens auf ihre Kinder. Das bekommen die Grundbuchverwalter zu spüren. Im Gegensatz zu Geldgeschenken braucht es für Handänderungen bei Liegenschaften eine amtliche Bestätigung.

Im Oktober habe sich die drohende Erbschaftssteuer langsam herumgesprochen, sagt Donatsch. «Dann ist die Panik losgegangen.» Zu den Hauptbetroffenen Kreisen gehört Steckborn wegen teurer Seewohnlagen wie in Salenstein. Zahlen kann Donatsch noch nicht nennen. Die Arbeitslast habe sich in den letzten Wochen aber vervielfacht.

Regionale Unterschiede

So geht es auch dem Kreuzlinger Grundbuchverwalter Hans-Rudolf Rutishauser. 50 Fälle hat bei ihm die Initiative ausgelöst. Von einigen hundert Fällen im ganzen Kanton geht der kantonale Grundbuch- und Notariatsinspektor Linus Schwager aus. Hauptbetroffen seien die Seegemeinden und Städte.

In Sulgen dagegen sind nur vier bis sechs Fälle eingegangen, sagt der dortige Grundbuchverwalter Armin Ruppanner. «Offensichtlich leben auf dem Land nicht so viele reiche Leute mit teuren Liegenschaften», sagt er. Auch sein Romanshorner Kollege Walter Gross hält das Ausmass mit gegen 20 Fällen für erträglich.

Schenkungen sonst selten

Anders in Frauenfeld. Schenkungen seien normalerweise selten, sagt Grundbuchverwalter Michael Lerch. Ihre Zahl habe sich in den letzten Monaten drastisch erhöht. Lerch sieht seine Aufgabe aber nicht nur in der Geschäftsabwicklung. Ihm geht es auch darum, seine Kunden zu beraten.

Vielen sei nicht klar, dass die Initiative nur das besteuern wolle, was über 2 Millionen Franken hinausgeht, sagt Lerch. Zudem gelten Ehepaare als zwei Personen. Ehepaare mit einem gemeinsamen Vermögen zwischen 2 und 4 Millionen Franken können die Erbschaftssteuer durch eine Regelung im Erbvertrag vermeiden. Oft reiche es, die ehe- und erbrechtlichen Regelungen anzupassen, um überhastete Schenkungen vermeiden zu können, sagt Lerch. Doch auch diese Beratung koste Zeit, könne aber auch nach dem 1. Januar noch erledigt werden.

Jetzt ist Annahmeschluss

Neue Geschäfte, die jetzt noch reinkommen, könnten kaum mehr abgeschlossen werden, sagen mehrere Grundbuchverwalter. Sie und ihre Mitarbeiter leisten jetzt schon Überstunden. Wer jetzt noch nicht gehandelt hat, wird sich der Erbschaftssteuer also nicht entziehen können – sollte die Initiative Erfolg haben. Grundbuchinspektor Schwager geht davon aus, dass die Grundbuchverwalter die hängigen Geschäfte noch vor Weihnachten erledigen können.

Trotz aller Hektik kann der Kreuzlinger Grundbuchverwalter Rutishauser der Entwicklung positive Aspekte abgewinnen. Es sei sinnvoll, wenn sich Eltern überlegen, ob sie einen Teil ihres Vermögens, den sie nicht brauchen, ihren Kindern schenken wollen. Die nächste Generation, die mitten im Leben stehe, habe in der Regel Verwendung dafür.