«Ostschweiz hat viel Potenzial nach oben»

Der Ostschweiz fehlt ein Leuchtturm in der Forschung für Spitzentechnologie, sagt Remo Daguati, der fünf Jahre oberster Standortförderer der Schweiz war.

Philipp Landmark
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Remo Daguati, Spezialist für Firmenansiedlungen, mit seinem «mobilen Büro» unterwegs in Bern. (Bild: Philipp Landmark)

Remo Daguati, Spezialist für Firmenansiedlungen, mit seinem «mobilen Büro» unterwegs in Bern. (Bild: Philipp Landmark)

Herr Daguati, in den letzten fünf Jahren haben Sie 150 Firmen neu in der Schweiz angesiedelt. Wie viele davon kamen in die Ostschweiz?

Remo Daguati: Etwa drei bis vier Prozent. Über den nationalen Kanal Switzerland Global Enterprise haben wir rund ein Viertel aller durch die Kantone neu angesiedelten Firmen akquiriert, bei uns liefen vor allem die Top-Dossiers über den Tisch – Perlen, die dann eben oft an den attraktivsten Standorten landeten.

Die Ostschweiz gehört also nicht zu den attraktivsten Standorten.

Daguati: Für internationale Ansiedlungen besteht noch viel Potenzial nach oben.

Was fehlt uns denn?

Daguati: Die Ostschweiz hat im absoluten High-Tech-Bereich noch nirgends einen Leuchtturm, der annähernd so ausstrahlt wie etwa eine EPFL Lausanne oder wie Forschungszentren, die man in der restlichen Schweiz findet. Die EPFL, die ETH in der Westschweiz, hat im Satelliten-System Institute in der ganzen Romandie aufgebaut, während die ETH Zürich viele Aktivitäten im Raum Zürich konzentriert. Andere Kantone wie Bern, beide Basel oder Aargau investieren massiv in Netzwerkstandorte des Nationalen Innovationsparks.

Die Ostschweiz steht aussen vor?

Daguati: Es ist in der Ostschweiz in zwei Anläufen nicht gelungen, als zusätzlicher Netzwerkstandort des Schweizer Innovationsparks anerkannt zu werden. Der Kanton Thurgau verfolgt dafür ein Projekt im Bereich Ernährungswirtschaft, in St. Gallen wurde das Startfeld Innovationszentrum kürzlich eröffnet. Die Kräfte bleiben verzettelt.

Die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell hat eine ETH-Filiale für die Ostschweiz reklamiert. Das wäre demnach in die richtige Richtung gedacht.

Daguati: Ich fand diesen Vorstoss sehr gut. Die IHK hat erkannt, dass es im Hochtechnologie-Bereich auch in der Ostschweiz einen Fussabdruck braucht.

Also müssen wir auf die ETH hoffen.

Daguati: Müssen wir? Wir können ja die Idee der IHK weiterentwickeln. Wieso nicht einfach die National University of Singapore, zu der wir über die HSG enge Bande haben, fragen? Auch europäische Player wie das Fraunhofer Institut oder die Steinbeis-Stiftung könnten Partner sein. Wenn es mit der ETH Zürich zu lange geht, muss sich die Ostschweiz Alternativen überlegen.

Ohne einen solchen Leuchtturm geht nichts?

Daguati: Ausländische Direktinvestitionen suchen die Nähe zu einem technologisch innovativen Umfeld. Die in der Ostschweiz ansässige Wirtschaft ist hervorragend, in der Anwendung sind wir spitze. Aber es fehlt ein Wissens- und Technologie-Transfer-Hub. Es braucht einen Leuchtturm in der Spitzenforschung zur gezielten Förderung von Anwendungen in der Industrie. Dazu bieten solche Hubs Potenzialflächen zur Ansiedlung weiterer Forschungseinheiten und -unternehmen. Das unterscheidet die neuen Innovationsparks von den Technoparks, wie in St. Gallen nun einer im Lerchenfeld entsteht.

Dieser Technopark ist also vergebliche Liebesmüh?

Daguati: Nein, auf keinen Fall! Dort hat man tolle Arbeit geleistet und verschiedene Initiativen um die Empa gebündelt. Das ist pragmatisch, man kommt relativ kurzfristig zu Ergebnissen.

Und langfristig?

Daguati: Langfristig – oder besser mittelfristig – muss die Ostschweiz die Lücke in der Spitzenforschung schliessen.

Wir haben die HSG, die sich immer wieder in Rankings als Spitzen-Universität positionieren kann.

Daguati: Die HSG kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, wenn es in einem Innovationspark um Kompetenzen geht, globale Wertschöpfungsketten zu managen. Eine technische Hochschule ist die HSG aber nicht. In der angewandten technologischen Forschung ist etwa die HSR in Rapperswil-Jona führend, aber sie ist natürlich noch kein globaler Player.

Welche Unternehmen könnten denn für uns interessant sein?

Daguati: In Afrika und Südamerika gibt es Milliarden junger Konsumenten – Unternehmen mit konsumorientierten Produkten und Dienstleistungen investieren in diese Kontinente. Nach Europa kommen vor allem Investitionen, die auch mit der zunehmenden Überalterung unseres Kontinents korrelieren: Unternehmen in Medizinaltechnik, Chemie, Pharma, Biotechnologie. Europa ist für Firmen aus diesem Bereich attraktiv, weil es immer mehr ältere Konsumenten beheimatet.

Wie ködert man solche Firmen?

Daguati: Natürlich braucht es Forscher in all diesen Disziplinen. Was aber Investoren lieben: die Nähe zu Ärzten, um Ideen für Verfahren und Anwendungen zu diskutieren. Life Science verlangt auch die Kombination mit Maschinenbau – häufig braucht man für gewisse Verfahren auch neue Apparate, um etwa Analysen durchführen zu können. Und damit diese Geräte funktionieren, braucht es Software: hochintelligente Steuerungen, welche die Messmethoden, die Sensorik, die Verfahrensabläufe prüfen und managen können.

Disziplinen, die mit dem Stichwort «Industrie 4.0» gemeint sind.

Daguati: Die IHK St. Gallen-Appenzell hat zu ihrem 550-Jahr-Jubiläum bei der HSG eine Untersuchung in Auftrag gegen: Wie kann Industrie 4.0 in der Ostschweiz gepusht werden? Ohne dem Ergebnis vorzugreifen: Es müsste gelingen, einen Forschungsbereich für IT im Bereich Industrial Technologies – also für das Zusammenspiel von Mikroelektronik, Steuerungen, Sensorik, Prozessmanagement – aufzubauen.

St. Gallen hat ein riesiges Kantonsspital, das nun neu gebaut wird und vielleicht sogar ein Uni-Spital wird. Daneben liegt das Bahnhofsareal St. Fiden, eine riesige Brache. Die Maschinenindustrie der Ostschweiz ist stark, und auch in der IT-Branche gibt es Firmen mit total 10 000 Arbeitsplätzen. Wir hätten doch alles, was es braucht?

Daguati: Eigentlich haben wir alles, ja. Wir müssen es nur noch zusammenbauen. St. Fiden ist ein hervorragender Standort, dort würde sich ein solches IT-Forschungsinstitut bestens machen. Er ist allerdings auch weit und breit der einzige in der Ostschweiz von dieser Qualität.

Was zeichnet den Standort denn derart aus?

Daguati: Er liegt direkt an der Eisenbahn-Achse Zürich–München und er hat einen Autobahnanschluss. Wesentliche Grundeigentümer sind Stadt, Kanton, SBB und Migros, was ein Entwicklungsprojekt vereinfachen dürfte, da wichtige Ankerinvestoren in ein Konzept integriert werden können. Und: Der grösste Messe- und Tagungsveranstalter im Bodenseeraum grenzt an das Areal an.

Die Olma-Messen ist ein Standortfaktor für Spitzentechnologie-Unternehmen?

Daguati: Tagungen, Seminare und Kongresse sind das Herzblut für jeden Life-Science-Standort. Die Leute müssen sich treffen und austauschen können.

Wessen Aufgabe ist es, diese Komponenten zusammenzubauen?

Daguati: Zuerst muss sich die Politik fragen, ob sie nochmals einen Anlauf nimmt, einen Ostschweizer Netzwerkstandort für den Schweizer Innovationspark einzugeben. Dann stellt sich die Frage, ob der vom Bundesrat nicht berücksichtigte Standort Lerchenfeld erneut lanciert werden soll – oder ob sich St. Gallen nicht doch langfristig St. Fiden auf die Fahne schreiben soll.

Sie nehmen also die öffentliche Hand in die Pflicht.

Daguati: Der Anstoss sollte von dieser Seite kommen. Federführend müssten dann aber private Kräfte wirken. In St. Fiden darf man realistischerweise erwarten, dass kein dauersubventioniertes Gebilde entsteht, sondern dass sich der Standort mit der Zeit über die Betriebserträge der Immobilien selbst trägt. Internationale Innovationsparks funktionieren so: Man muss sie 10 bis 15 Jahre anschieben, dann laufen sie eigenwirtschaftlich.

Nehmen wir mal an, es gelingt der Ostschweiz, den skizzierten Leuchtturm in St. Fiden zu realisieren: Würde dieser dann als Magnet für weitere Ansiedlungen wirken?

Daguati: Ich bin davon überzeugt. Die Ostschweiz muss aber noch einige Hausaufgaben lösen.

Nämlich?

Daguati: Selbstlos und bescheiden auftreten ist grundsätzlich eine Ostschweizer Tugend. Aber in der Standortpromotion ist Bescheidenheit nicht gerade die dominante Strategie…

Also dick auftragen?

Daguati: Nein, die Ostschweiz muss sich nicht verleugnen. Aber im Promotionslauf muss man ein Feuerwerk zünden und Begeisterung verbreiten können. Dazu braucht es Instrumente, und man muss auch mal zu einem potenziellen Kunden fahren oder fliegen können. Womit wir bei den Mitteln sind.

So banal? Müssen wir einfach mehr Geld einsetzen?

Daguati: Die St. Gallen-Bodensee-Area hat ein Jahresbudget von etwa 120 000 Franken, dank Sponsoren kann sie rund 150 000 Franken einsetzen. Die Greater Geneva-Berne-Area kann mit vier Millionen Franken budgetieren. Dieser Unterschied ist erheblich. In der Ostschweiz könnten auch noch die Mittel der Standort- und Tourismuspromotion besser gebündelt werden.

Zahlt sich diese Investition denn aus?

Daguati: Insgesamt werden jährlich in der Schweiz gegen 35 Millionen Franken für Standortpromotion eingesetzt. Damit werden mittelfristig rund 3000 Jobs kreiert. Bund, Kantone und Gemeinden erhalten umgehend ein Mehrfaches an Steuersubstrat zurück. Standortförderung lohnt sich auf jeden Fall, nicht umsonst buhlen weltweit etwa 2500 Standortförderungs-Organisationen um die wertschöpfungsstärksten Projekte.

Wie kann sich die Ostschweiz bei dieser Konkurrenz profilieren?

Daguati: Sicher nicht, indem sie sich über die Vergangenheit definiert. Wenn wir uns auch als Textilstandort sehen, dann müssen wir zeigen, dass diejenigen Firmen, die es noch gibt, zukunftsgerichtete Technologie-Unternehmen sind.

Kann uns die Expo2027 helfen, mehr Begeisterung zu versprühen?

Daguati: Unbedingt! Der Ostschweiz tut es gut, sich auf dem Weg zu einer Expo neu zu erfinden, und über Kantonsgrenzen zusammenzuarbeiten. Die grosse Chance ist, auch den Bodenseeraum bespielen zu können, den Blick also nach Baden-Württemberg, Bayern und Vorarlberg richten zu können.

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