OPFER: Als Kind wurde eine Thurgauerin von mehreren Bauern vergewaltigt - nun bricht sie ihr Schweigen

Bauern haben eine heute 74-jährige Thurgauerin als Kind mehrmals vergewaltigt. An schlechten Tagen denkt sie noch heute, sie sei schuld an diesen Verbrechen.
Ida Sandl
Vera liebt die Natur. Die Natur und die Tiere waren nie böse zu ihr. (Bild: Donato Caspari)

Vera liebt die Natur. Die Natur und die Tiere waren nie böse zu ihr. (Bild: Donato Caspari)

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

Die Bilder treiben sie aus dem Bett. Sie kommen am Morgen und dann muss sie raus, am besten gleich aus der Wohnung, dem Haus. Laufen, laufen, laufen, bis der Körper sich meldet. Schmerzen sind besser als diese Gedanken.

Sie heisst Vera*, wurde vor 74 Jahren auf einem kleinen Bauernhof im Thurgau geboren und ist nie weggezogen. Ihre Haare sind lang und immer noch fast schwarz, sie bindet sie im Nacken zu einem Pferdeschwanz. Mit 14 wurde sie zum ersten Mal vergewaltigt. Wäre das damals nicht passiert oder wäre sie danach nicht so mutterseelenallein gewesen: «Vielleicht wäre mein Leben dann nicht so kaputt.»

Am schlimmsten sind die Schuldgefühle. Die konnten auch die Psychologen nicht wegtherapieren. Diese ewigen Fragen, ob sie etwas falsch gemacht hat. Vielleicht hätte sie sich nur anders verhalten müssen und niemand hätte ihr etwas getan.

«Macht doch nüt», sagt der Bauer

Er ist Bauer, ein angesehener Mann. Seine Frau hat gerade ein Kind geboren und liegt noch im Spital. Die Mutter schickt Vera zu ihm, damit sie die anderen Kinder hütet, die noch klein sind. In der Nacht kommt der Bauer in ihre Kammer, schlägt die Bettdecke zurück und packt sie an den Armen. Gelähmt vor Angst liegt Vera da und kann nur an die Kinder im Zimmer nebenan denken und dass sie nicht um Hilfe schreien darf, weil sie sonst aufwachen.

«Macht doch nüt», sagt der Bauer, als er mit ihr fertig ist und sieht, dass sie weint. Am nächsten Morgen fleht Vera die Mutter an, dass sie heim möchte. Erzählt ihr, was passiert ist. «Du bleibst», sagt die Mutter nur. Also bleibt sie und in der Nacht kommt der Bauer wieder.

Zu Hause schweigen sie über die Vergewaltigung hinweg. Die Mutter fragt nicht und Vera wagt nicht, davon zu reden. «Ich habe mich so geschämt.» Der Vater ist meistens auf dem Feld und die Geschwister sind noch zu klein: «Ich war ganz allein.»

Sie lässt es einfach über sich ergehen

Jetzt sitzt Vera am Tisch in ihrer kleinen Wohnung und blinzelt die Tränen weg. Pferdebilder und Fotos hängen an den Wänden, darunter alte Schwarz-Weiss-Aufnahmen. Sie sagt, die Mutter sei immer streng gewesen. «Es gab nie eine Umarmung oder einen Kuss.» Das stille, ernste Mädchen von damals wurde noch ein bisschen ernster.

Es vergehen ein paar Jahre, da schickt der Vater Vera zu einem anderen Bauern, um auszuhelfen während der Ernte. Das sei damals so Brauch gewesen, erzählt Vera. Die Bauern hätten sich gegenseitig öfters geholfen. Der Mann lebt allein. Sie muss die Kühe melken. Als sie den Milchkessel wegstellt, drückt der Bauer sie an die Stallwand. Die Wand ist voller Dreck. Noch heute sieht sie die braunen Striemen vor sich, wenn sie die Augen schliesst. Vera versucht gar nicht, sich zu wehren, schreit nicht. Weint nicht einmal. Sie lässt es einfach über sich ergehen. Als wäre es ihr Schicksal, dass Männer ihr Gewalt antun.

Der Mutter erzählt sie diesmal nichts. Wozu auch? Sie würde ihr vielleicht nicht einmal glauben und das würde nur weh tun. Und so bleibt Vera allein mit dem Unrecht, das ihr andere angetan haben. Sie baut Mauern um sich herum auf, Schutzwälle gegen die Welt. So oft sie kann, ist sie bei den Kühen. Hier fühlt sie sich geborgen. «Ohne meine Kühe hätte ich diese Zeit nicht überlebt.»

Nur während der Fasnacht wagt sie sich aus ihrem Verlies. Dann näht sie ein Kostüm, und wenn sie hineinschlüpft, ist sie eine andere. Sie tanzt und lacht und für ein paar Stunden sind die dunklen Gedanken fort. Das Leben fühlt sich leicht an.

Der Gatte ist ein Glünggi

Ein paar Monate lang ist Vera verheiratet. «Ein grosser Fehler.» Es ist zwar keine Liebe, doch die Mutter findet, dass es sich nicht gehöre, ohne Trauschein zusammen zu sein.

Der Ex-Mann erweist sich als Glünggi, der in krumme Geschäfte verwickelt ist und einen Berg Schulden hat. Er treibt Vera an den Rand des Ruins.

Sie ist schon geschieden, als sie von einem verheirateten Mann schwanger wird. «Lass es abtreiben», sagt der Vater ihres Kindes. Aber sie will das Kind behalten. Es ist ein Junge.

Vera wird ein zweites Mal schwanger und ist panisch vor Angst, als sie es bemerkt. Wieder ist der Vater verheiratet. Sie denkt, dass ihre Mutter sie fortjagt. Sie weiss nicht, wo sie hin soll mit zwei kleinen Kindern und woher sie das Geld nehmen soll. Es gibt nur einen Ausweg: Niemand darf es erfahren. Vera beschliesst, sie wird ihr Kind zur Adoption freigeben. Dann schnürt sie sich den Bauch mit einem Korsett flach.

Wieder ist es ein Junge. Vera liegt in einem blütenweissen Spitalbett. Den Eltern hat sie etwas von einer Blinddarm-Entzündung erzählt. Eine Schwester hält ihr das Baby hin: «Möchten Sie ihr Kind wirklich weggeben?», fragt die Schwester. Vera dreht sich weg, zur Wand. Die Schwester versucht es noch einmal, fragt Vera, ob sie sicher sei, dass sie ihr Kind weggeben möchte. «Ja», sagt Vera. Sie will nur noch weg, raus aus dem Zimmer und raus aus diesem Albtraum. Tatsächlich wird dieses Zimmer für immer in ihrem Kopf bleiben.

Stefan* heisst der Bub. Als erwachsener Mann steht er eines Tages vor ihrer Tür. Gross und mit dunklen Haaren. Er hat sie aufgespürt, will sehen, was das für eine Frau ist, seine Mutter. Sie sitzen sich gegenüber und er erzählt, dass er es gut habe bei seinen Eltern.

Er mache ihr keinen Vorwurf, sagt er, doch er habe auch keine Gefühle für sie. Vera würde ihn so gerne in den Arm nehmen, aber sie traut sich nicht. Einmal besucht er sie noch, dann kommt er nicht mehr.

Vera hat ein Kind verloren und ein Kind gerettet: Jonas*, ihren ältesten Sohn. Er war drogensüchtig. Mehr als einmal hat er einen Entzug gemacht und mehr als einmal brach er alles wieder ab. Sie hat ihn angefleht, hat gedroht, geschrien. Einmal sei sie sogar mit einem Messer auf ihn los. Aber nie liess sie ihn im Stich. Heute ist er clean, wohnt in der Nähe, hat einen Job und schaut immer mal wieder vorbei. Es ist nicht alles schief gegangen in ihrem Leben.

200 Franken für ein Leben voller Leid

Manchmal stellt sich Vera vor, die zwei Bauern stünden vor dem Richter. Sie müssten sich rechtfertigen, für das, was sie getan haben, und sie würden dafür bestraft. Es ist nicht mehr als eine Fantasie, denn die beiden Männer sind lange tot.

Einem ihrer Brüder hat sie von den Vergewaltigungen erzählt. Der ist daraufhin zur Witwe des einen Bauern gelaufen. Die Frau kam dann zu Vera und hielt ihr 200 Franken hin. «Ich weiss jetzt, was damals passiert ist», hat sie gesagt.

Vera lacht bitter. «Als ob man sich mit 200 Franken ein glückliches Leben kaufen könnte.»

*Namen geändert

#MeToo-Debatte war der Auslöser

Eine 74-jährige Frau erzählt der «Thurgauer Zeitung» ihre Lebensgeschichte. Eine Geschichte, geprägt von mehreren Vergewaltigungen. Warum tut sie das? Und warum gerade jetzt, nach so vielen Jahren? Auslöser seien die Artikel über die #MeToo-Debatte gewesen, sagt sie. Das habe in ihr alles wieder aufgewühlt. Sie, die als Kind mehrfach missbraucht wurde, steht jedoch manchen Auswüchsen der Bewegung kritisch gegenüber. «Eine Hand auf der Schulter und eine Vergewaltigung dürfen nicht in einen Topf geworfen werden.»

Unter dem Hashtag #MeToo haben Frauen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen öffentlich gemacht. Ausgelöst durch den Skandal um den Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein. Ihm werden von zahlreichen Frauen Übergriffe, Nötigung oder Vergewaltigung vorgeworfen. Mittlerweile werden weitere Männer wie Schauspieler Kevin Spacey oder Regisseur Dieter Wedel der sexuellen Gewalt bezichtigt. (san)

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