Olympische Nachwehen

Nach seinem Einsatz bei den Olympischen Spielen in London kehrt bei Badminton-Schiedsrichter Ivo Kassel aus Bronschhofen wieder der Alltag ein. Die Enttäuschung über den verpassten Final hat er aber noch nicht ganz verdaut.

Vanessa Meier
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Leichte Wehmut: Ivo Kassel zeigt das Erinnerungsdiplom der Olympischen Spiele in London. (Bild: mvl)

Leichte Wehmut: Ivo Kassel zeigt das Erinnerungsdiplom der Olympischen Spiele in London. (Bild: mvl)

BRONSCHHOFEN. Als erster Schweizer in der Badminton-Geschichte kann Ivo Kassel auf zwei Wochen an den Olympischen Spielen zurückblicken. Geniessen konnte er nicht nur seine Aufgabe als Unparteiischer in London. Er war als Zuschauer auch bei anderer Sportarten mit dabei. «Ich durfte die Eröffnungs- und Schlussfeier hautnah miterleben», sagt er. Mit seinen Leistungen ist der 35-Jährige zufrieden. Dabei stützt er sich auch auf die Rückmeldungen seiner Schiedsrichter-Kollegen und der technischen Offiziellen. Umso mehr stösst es bei ihm auf Unverständnis, dass er nicht am Final pfeifen durfte. «Meine Leistungen haben auf jeden Fall gestimmt.»

Abschiedsgeschenke verteilt

Auf die Frage, ob er heute etwas anders machen würde, meint er: «Ich würde erst mit 50 an Olympia gehen.» Auffällig sei das Alter der Finalschiedsrichter gewesen, «alle über 50». Gemunkelt wird, dass diejenigen Schiedsrichter, die zum letzten Mal bei den Olympischen Spielen dabei sein konnten, den Final pfeifen durften. Ob das gut für die Sportart ist, bezweifelt Kassel. «Einzig das Alter hat entschieden, nicht das Können.» Ob er in vier Jahren an den Olympischen Spielen in Brasilien dabei sein wird, ist für ihn noch unklar. Es gibt weltweit 50 potenzielle Schiedsrichter, welche die Berechtigung besitzen, um an den Olympischen Spielen pfeifen zu dürfen. Der Weltverband lege aber grossen Wert auf Rotation.

Der Skandal von Wembley

Sein Aufenthalt in London war auch von Vorkommnissen geprägt, in welche er nicht direkt involviert war. Er lobt die Disqualifikation der Spieler der Partie China – Korea. In dieser verloren die Chinesen absichtlich, um nicht bereits im Halbfinal gegen die zweite chinesische Mannschaft antreten zu müssen und so die Chance auf eine Doppelmedaille für China zu verpassen. «Badminton ist zwar ein Individualsport, aber in Asien ist der Teamgedanke ausgeprägter als bei uns.» Ebenso befürwortet er den Entscheid im Spiel Korea – Indonesien: Beide Teams wollten verlieren, um im Halbfinal auf einen einfacheren Gegner zu treffen. Sie haben gegen den Code of Conduct verstossen, der besagt, dass alle Spieler ihr Bestes geben müssen. Der Weltverband griff sofort ein und führte am selben Abend Befragungen mit den Schiedsrichtern durch. Am nächsten Tag wurden die Spielerinnen bereits disqualifiziert. «Es enttäuscht mich, dass über den Skandal berichtet wurde, aber nicht über den schnellen und rühmlichen Entscheid der Offiziellen.» Die Badminton-Verantwortlichen zittern schon lange, weiterhin eine olympische Sportart bleiben zu können.

Manipulationen verhindern

Bis 2008 wurde an den Olympischen Spielen im Badminton das K. o.-System angewandt. Um die Zeit der einzelnen Spieler an den Spielen zu verlängern, wurden nun die Gruppenspiele eingeführt. «Nach diesen Vorfällen muss das System angepasst werden», meint Kassel. Es sei nötig, dass man nur die erst- und zweitplazierten Teams fix setze und die Gegner der anderen auslose, um Manipulationen unmöglich zu machen. Eine zweite Möglichkeit sei, acht Dreiergruppen zu machen und nur die Sieger weiterkommen zu lassen. «Schliesslich überwiegen aber die guten Erinnerungen an London», fasst der Schiedsrichter zusammen. Nicht nur diese, die er in Form eines Diploms und der Olympia-Münze mit nach Hause nahm.

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