Olgas Gespür für Kartoffeln

FRAUENFELD. Sie erkennt Drahtwürmer, Schneckenfrass und Hohlherzigkeit. Die Frauenfelderin Olga Züst kontrolliert die in Osterhalden angelieferten Kartoffeln. Sie macht dies schon seit zehn Jahren mit Fingerspitzengefühl.

Christine Luley
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Zu klein, zu gross oder grad richtig? Olga Züst kontrolliert mit dem Quadratmass das Kartoffel-Kaliber. (Bild: Christine Luley)

Zu klein, zu gross oder grad richtig? Olga Züst kontrolliert mit dem Quadratmass das Kartoffel-Kaliber. (Bild: Christine Luley)

Vor dem Lagerhaus in Osterhalden, gleich bei der BP-Tankstelle, stehen zwei Anhänger beladen mit 15 Tonnen Kartoffeln. Produzent Martin Hasler aus Dinhard überreicht Olga Züst die Etiketten mit den nötigen Angaben. Sie arbeitet seit zehn Jahren als Kartoffelkontrolleurin im Auftrag der Firma Quali Service und überprüft die Einhaltung der strengen Vorschriften. Im Herbst, während der Erntezeit, arbeitet sie in Frauenfeld, den Rest des Jahres in der Bina in Bischofszell.

Rolf Züst, ihr Mann, steigt mit einer Leiter auf den vorderen Wagen und füllt einen Korb mit exakt zehn Kilo Kartoffeln. Gleich viel entnimmt er dem hinteren Anhänger und überreicht die Körbe seiner Frau Olga. Sie misst die Grösse der Knollen und führt die Kartoffel mit der Längsachse durch eine Art Metallschablone.

Keine Faulen und Grünen

Für die Weiterverarbeitung in der Industrie sollen die Knollen zwischen 42,5 und 85 Millimeter gross ein. Haslers Kartoffeln liegen im Limit. Ansonsten gäbe es Abzüge beim Gesamtgewicht, und das bedeutet weniger Geld. Anschliessend prüft die Kontrolleurin die äussere Qualität der Knollen, ob da faule oder grüne darunter sind oder ob es Spuren von Schneckenfrass hat. Ein weiterer Test folgt. Olga nimmt die fünf grössten Knollen, schält und halbiert sie längs. Notiert innere Mängel wie Löcher von Drahtwürmern oder Schlagschäden. Die Befunde überträgt sie in den gelben Rapportzettel.

Gute Noten für gelbe Chips

«Noch fehlt der Backtest», erklärt die Kontrolleurin. Rolf Züst nimmt einen Korb mit gewaschenen Kartoffeln und liest an der Waage den Stärkegehalt von 15 Prozent ab. Danach stanzt er Scheiben aus zehn geschälten Kartoffeln und bäckt sie in einer Fritteuse. Die Beurteilung erfolgt visuell nach vier Qualitätsklassen anhand einer Farbtafel. Haslers Pommes Chips bleiben schön gelb und erhalten gute Noten. Noch heisst es abwarten, denn nach der Leerung in die Paloxen entnimmt Olga Züst nochmals eine Probe, das gewährleistet, dass auch die zuunterst im Wagen gelegenen Kartoffeln einwandfrei sind.

Innere und äussere Werte

Bei einem anderen Produzenten sind zwar die äusseren Werte, der Stärkegehalt und die Backprobe, gut. Mehrere Knollen weisen aber innere Mängel auf. «Das sind Hohlherzige», sagt Olga Züst und deutet auf die Linien im Inneren. Die Abnahme verzögert sich. Ein wenig Hektik kommt auf. Olga Züst bleibt die Ruhe selbst und bespricht die Lage mit ihrem Chef in Bischofszell. «Jetzt geht's um Haben oder nicht Haben», sagt der Bauer aus dem Schaffhausischen, «Gibt's Pommes Frites oder Chips daraus, bekomme ich für 100 Kilogramm Kartoffeln etwa 43 Franken. Landen sie hingegen als Rösti in der Pfanne, gibt's nur 28 Franken.»

Wettern über Stapelchips

Die drei wartenden Landwirte diskutieren über die Schweizer Qualitätsanforderungen. Einer wettert über sogenannte Stapelchips. «Diese Chips in Büchsen werden im Ausland aus Püree gemacht, mit einem Kartoffelanteil von weniger als der Hälfte.» Sie sind sich einig: «Schweizer Chips sind ein Naturprodukt.»

Olga Züst hat ihren Telefonanruf beendet und teilt dem Produzenten nun mit, dass man seine 30 Tonnen nur für Fertigrösti verwenden kann. «So ist das halt», sagt er, «die Arbeit bleibt dieselbe, der Lohn nicht.»

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