«Ohne Helm könnte ich tot sein»

Kantonsrätin Barbara Kerns Leidenschaft ist das Velofahren. Für den öffentlichen Verkehr kämpft sie an vorderster Front. Als Rettungssanitäterin hilft sie bei schwersten Unfällen. Jetzt wurde sie selber zum Opfer – einer Velofahrerin.

Brigitta Hochuli
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Hatte 100 000 Schutzengel: Barbara Kern. (Bild: Reto Martin)

Hatte 100 000 Schutzengel: Barbara Kern. (Bild: Reto Martin)

Kreuzlingen. Schon die Mutter habe mit dem Velo alle Schweizer Pässe gemacht. Das Velofahren sei ihr in die Wiege gelegt worden, sagt die Thurgauer SP-Kantonsrätin Barbara Kern. Seit der Kindheit bedeutet ihr Velofahren nicht nur Spass und Sport, sondern auch wichtigstes Fortbewegungsmittel. Kern, die fünf Sprachen fliessend spricht, hat mit dem Velo halb Griechenland erkundet. Mit 62 will sie sich pensionieren lassen. «Dann radle ich nach Schweden, Norwegen und von da nach Polen.» Zur Arbeit, zum Coiffeur in Berg und zum Einkaufen fährt sie Rad, Bus oder Zug. Seit zehn Jahren besitzt sie kein Auto mehr.

Passion wurde Verhängnis

Vehement kämpft die 54jährige für gute Bedingungen für Velofahrerinnen und Velofahrer sowie für den öffentlichen Verkehr. Seit zehn Jahren ist sie Vorstandsmitglied des 3000 Mitglieder starken Verkehrsclubs Sektion Thurgau sowie als Organisatorin einer erfolgreichen Velobörse in Kreuzlingen. Dort gehe es jeweils zu wie beim Sommerschlussverkauf – «ein Riesenandrang!». 10 Prozent des Verkaufserlöses komme in die Kasse des VCS.

Velofahren ist Barbara Kerns Passion. Doch ausgerechnet ihr wurde es zum Verhängnis. In der Nacht vom 29. August, 23.50 Uhr, schoss eine unbekannte zweite Velofahrerin aus einem Seitenweg der Kreuzlinger Hauptstrasse hinter einem Offroader hervor. Sie rammte Barbara Kern bei einem Tempo von gut 30. «Sie fuhr mir ungebremst ins Vorderrad.»

«Jetzt knallt's»

Der Aufprall war so heftig, dass Barbara Kern in hohem Bogen auf den Asphalt der Strassenmitte flog. Dort blieb sie benommen liegen. «Ich wusste in dem Moment: Jetzt knallt's, jetzt musst du Arme und Beine schützen.» Die Unfallverursacherin war zwar ebenfalls gestürzt, entfernte sich aber ohne Hilfeleistung, ohne Entschuldigung und ohne von jemandem erkannt zu werden.

Ein Passant half Barbara Kern nach Minuten auf die Beine, wollte den Krankenwagen rufen, sie ins Spital einweisen. Doch das tat die Verunfallte lieber selbst. Denn sie ist Pflegefachfrau mit Zusatzausbildung Anästhesie und Rettungsdienst. Seit 15 Jahren arbeitet sie auf der Notfallstation im Kantonsspital Münsterlingen. Dorthin liess sie sich in der Unfallnacht mit einem Taxi bringen.

Barbara Kern erlitt eine schwere Hirnerschütterung und diverse Muskelquetschungen, die sie heute noch therapieren muss. Immer noch hat sie gelegentlich Kopfschmerzen. Sie lag vier Tage im Spital, war zwei Wochen arbeitsunfähig. «Ohne Helm wäre ich tot oder schwer hirnverletzt», sagt sie immer wieder. «Der Helm hat mir das Leben gerettet.» Stolz klopft sie auf ihr neues, teures Modell. Der alte Helm ist unbrauchbar geworden. Die Wucht des Aufpralls hat eine grosse Beule hinterlassen. «Ich hatte 100 000 Schutzengel.»

Noch nicht verarbeitet

Man merkt, dass der Unfall noch nicht verarbeitet ist. Auch die Wut auf das Verhalten der Unfallverursacherin ist nicht verraucht. «Das ist eine Ironie, dass ich ausgerechnet von einer Velofahrerin abgeschossen wurde», sagt Barbara Kern. Früher, als Velofahrer noch keine Helme trugen, sah sie als Rettungssanitäterin Unfallopfer mit schwersten Verletzungen. Das könne der Helm verhindern. Darauf macht sie bei jeder Gelegenheit aufmerksam. Denn das Velofahren gehört nach wie vor zu ihrem Leben. Sie fährt ein High-Tech-Mountainbike im Wert von 4000 Franken. «Wenn ich noch jung wäre, würde ich eine Profikarriere machen.» Sagt's, steigt aufs Rad und dreht für den Fotografen eine schnelle Runde.

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