Offenes Klima gegen Missbrauch

FRAUENFELD. Eine Tagung in Frauenfeld widmete sich sexuellen Grenzüberschreitungen in Heimen durch Bewohner der Einrichtungen. Heime seien sicher, aber man müsse sich dem Thema stellen, sagt die Leiterin des Forensischen Instituts Ostschweiz.

Martin Knoepfel
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Wie kann man Übergriffe auf Bewohner in Heimen verhindern? Das war das Thema einer von rund 70 Fachleuten besuchten Tagung des Forensischen Instituts Ostschweiz (Forio) von gestern in Frauenfeld.

Anlass war der Fall eines Sozialtherapeuten, der vor 2011 im Kanton Bern über 100 Behinderte missbraucht hatte. Monika Egli-Alge, Geschäftsführerin des Forio, urteilt in einer Expertise, dass in Bern die meisten Einrichtungen gute Betriebskonzepte hätten. Im Thurgau sei die strukturelle Qualität wegen strenger Richtlinien noch eine Spur besser.

«Bern ist überall»

Menschen, die in Heimen lebten, seien in verschiedener Hinsicht benachteiligt und könnten sich oft weniger gut gegen Übergriffe wehren. «Das Heim ist ein sicherer Ort, aber Bern ist überall», sagte Egli-Alge. «Sind Sie sicher, dass sie von Vorfällen früh erfahren?», fragte sie. Ein offenes Klima reduziere die Gefahr von Machtmissbrauch und (sexueller) Gewalt. Eine gute Aus- und kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeiter seien nötig, ebenso Präventionsanlässe, die aber nicht nachhaltig seien. Zu prüfen sei, ob der Kanton eine externe niederschwellige Fachstelle für Beratungen und Abklärungen, eine Art Ombudsstelle, einrichten solle.

Die Forio hat 33 Heime im Kanton gefragt, wie oft es bei ihnen sexuelle Grenzverletzungen gebe. Das sind Berührungen (7 Mal), Küssen (1) oder Sex (2), immer ohne Einwilligung der Betroffenen. Dazu meldeten die 15 antwortenden Einrichtungen noch 5 andere Fälle. «Alles in einer Woche im Thurgau», wie Egli-Alge sagte.

Strafregisterauszug verlangen

Die kantonale Heimkommission befasse sich seit Jahren mit dem Thema Machtmissbrauch und Übergriffe, sagte Markus Mühlemann, zuständig für das Heimwesen im kantonalen Fürsorgeamt. Die Kommission fordere vor der Einstellung neuer Mitarbeiter in Heimen Strafregisterauszüge und den Nachweis, dass kein Strafverfahren laufe, eine Bedingung, die Egli-Alge explizit unterstützt. Mühlemann ist sicher, dass der Kanton seine Verantwortung für die Menschen in Heimen wahrnimmt. Ein Präventionskonzept sei in Arbeit.

Cécile Streit und André Wetzel präsentierten die Resultate einer Erhebung unter Experten im Thurgau. Interne Anlaufstellen, an die sich Opfer von Übergriffen wenden können, gebe es vor allem in grossen Einrichtungen. Externe Stellen seien bekannt, für Schwerbehinderte seien die Schwellen aber zu hoch. Behinderte hätten heute ein Recht auf selbstbestimmte Sexualität. Meinrad Rutschmann, Vize-Geschäftsführer des Forio, sagte, dass die Behörden die meisten Verfahren aus Mangel an Beweisen oder wegen Schuldunfähigkeit einstellten.

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