OBSTBAU: «Mit Feuerbrand leben lernen»

Das Streptomycinverbot beunruhigt nicht nur die Thurgauer Obstbauern. Die Vereinigung Hochstammobstbau befürchtet weitere Rodungen. Als Alternativmittel könnte möglicherweise bald Bauernhanf eine Rolle spielen.

Larissa Flammer
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Guido Schildknecht will dem Frühling und der Gefahr von Feuerbrand entspannt entgegensehen. (Bild: Urs Bucher)

Guido Schildknecht will dem Frühling und der Gefahr von Feuerbrand entspannt entgegensehen. (Bild: Urs Bucher)

Das Verbot des Antibiotikums Streptomycin, das zur Bekämpfung von Feuerbrand benutzt wird, hat vor allem Folgen für die Niederstammbäume. Bei Hochstammbäumen war dieses Mittel gar nie erlaubt, nicht einmal für Versuchszwecke. Trotzdem wurden auch die Hochstammobstbauern vom Verbot überrascht. Und auch sie befürchten Konsequenzen.

Angst vor Rodungen

Als im Jahr 2007 der Feuerbrand in der Schweiz flächendeckend ausbrach, wurden vielerorts Rodungen vorgeschrieben, um die Bakterien zu vernichten. Vor allem viele Hochstammbäume wurden gefällt, da man befürchtete, dass infizierte Hochstammbäume die Niederstammbäume anstecken. Doch im Luzernischen beobachte man das Gegenteil, sagt Guido Schildknecht, Präsident der Vereinigung Hochstammobstbau Schweiz. Es sei der Feuerbrand in Niederstammbäumen, der die Hochstammbäume bedrohe. «Das Roden von Hochstammbäumen hat den Feuerbrand nicht eingedämmt», sagt der pensionierte Bauer aus Mörschwil. Die Hochstammobstbauern befürchten, dass ohne das Antibiotikum wieder auf Rodungen zurückgegriffen werde. Doch Schildknecht ist überzeugt: «Die Hochstammbäume sind wichtig für die Biodiversität, die Landschaft und für den Most.»

«Mehr Gelassenheit»

Die Hochstammobstbauern um Schildknecht haben in den vergangenen Jahren ihre eigenen Erfahrungen mit dem Feuerbrand gemacht. Viele haben sich dagegen gewehrt, ihre Bäume roden zu müssen. Zwei Bauern gingen sogar bis vor Bundesgericht – mit Erfolg. Die von Feuerbrand befallenen Hochstammbäume mussten nicht gefällt werden – und sie wurden wieder ganz gesund. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Hochstammbäume von alleine gesunden», sagt Schildknecht. Deshalb lautet sein Ratschlag: «Wir müssen mit mehr Gelassenheit in den Frühling gehen. Unsere Erfahrungen mit der Gesundung sind sensationell.» Einige Pioniere hätten auch schon befallene Niederstammbäume nicht gerodet, und auch dort sei eine Gesundung eingetreten.

Bauernhanf könnte helfen

Wichtig findet Schildknecht, dass die Bäume im Sommer nicht zurückgeschnitten werden, das mache den Befall meist nur noch schlimmer. Die Angst der Niederstammobstbauern kann Schildknecht allerdings verstehen. Denn in Monokulturen führt ein Feuerbrandbefall schnell zu einer Epidemie. «Eine vielfältige Hochstammlandschaft ist besser geschützt», sagt Schildknecht. Für Niederstammobstbauern kann ein schlimmer Feuerbrandbefall auch wirtschaftlich gesehen verheerende Folgen haben. Ohne Streptomycin fühlen sich daher im Moment viele schlecht gerüstet. Es gibt zwar bereits alternative Mittel, beispielsweise LMA (Kalium-Aluminium-Sulfat). Doch davon ist Schildknecht nicht überzeugt. Er setzt seine Hoffnungen in ein Konzentrat aus Bauernhanfblüten. Da Bauernhanf eine Heilpflanze sei, habe er – wenn überhaupt – auch nur eine positive Wirkung auf das Obst. Das Mittel aus Hanf müsse jetzt professionell getestet werden.

«Witterung ist massgebend»

Eine Aussage, die Eva Reinhard vom Bundesamt für Landwirtschaft am Mittwoch in unserer Zeitung gemacht hat, will Schildknecht nicht so stehen lassen: «Der Vorwurf, es würden keine präventiven Massnahmen mehr ergriffen, ist falsch. Präventive Massnahmen bringen kaum etwas. Die Witterung im Frühling ist massgebend.» Auch sei es nicht so einfach, jetzt plötzlich auf feuerbrandrobuste Obstsorten zu setzten. Forschungen in diese Richtung seien zwar wichtig. Eine solche Sorte einzuführen, dauere jedoch mindestens zehn Jahre. «Denn was nützt eine resistente Sorte, wenn sie nicht schmeckt?»

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