Nur selten Wechselgelüste

Die Stammertaler Gemeinden diskutieren über einen Kantonswechsel vom Kanton Zürich zum Thurgau. Wie ernst das Thema genommen wird, zeigt eine Umfrage bei weiteren Grenzgemeinden und -kantonen.

Text: Caspar Hesse Bilder: Diverse, Pd
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Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen

Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen

Als östlichster Punkt des Kantons Thurgau sind wir in der privilegierten Lage, morgens als erste im Kanton von der Sonne beleuchtet zu werden. Diesen Vorteil würden wir mit einem Wechsel nach St. Gallen abgeben. Ebenfalls abgeben würden wir den Vorteil, nicht allzu nahe am Regierungssitz zu sein. Geprüft wurde die Frage schon öfters, jedoch immer nur gemeindeintern und meist an Stammtischen. Die Gründe sind meist darin zu suchen, dass wir einen sehr grossen Beitrag an den Finanzausgleich leisten, bei den Subventionen oder Kantonsinvestitionen jedoch doch eher ein Randdasein nisten. Vorteile würden sich natürlich durch einen Kantonswechsel ergeben, denn dadurch wären Fusionen mit anderen St. Galler Gemeinden möglich. Ob wünschenswert oder nicht, sei hier nicht diskutiert.

In unserer Region am Seerhein war ein Wechsel einer Stadt über die Grenze durchaus schon ein Thema. Am Wiener Kongress bestand die Möglichkeit, das linksrheinische Konstanz zum Kanton Thurgau zu schlagen. Unsere Seite wollte aber davon nichts wissen. Sonst wäre wohl Konstanz die Hauptstadt des Thurgaus, was sie heute nur beim Einkaufen ist. Auch heute wäre ein Wechsel von Konstanz zum Thurgau beziehungsweise zu Kreuzlingen wahrscheinlicher als umgekehrt. Sieht sich doch Konstanz vom eigenen Bundesland vernachlässigt und der Metropolitanregion Zürich zugehörig. Auch spricht der aktuelle Wanderungssaldo zwischen den beiden Städten klar für Kreuzlingen. Bei einer Fusion mit Kreuzlingen würden somit alle Weggezogenen ohne zügeln zu müssen wieder nach Konstanz zurückkehren.

Die Haltung Diessenhofens ist eigenständig und selbstbewusst. Bereits vor Jahren prägte ich in einem Aufsatz in der NZZ aus unserer politgeographischen Situation heraus den Satz: «Diessenhofen gehört nirgendwo hin; es ist umgeben.» Das trifft immer noch zu. Wir sind stolze Thurgauer, auch wenn Frauenfeld für uns weiter weg liegt wie umgekehrt. Diessenhofen ist Teil der Agglomeration Schaffhausen und zum Metropolitanraum Zürich hin orientiert. In den wirren Zeiten der Helvetik «durfte» sich die ehemalige Stadtrepublik, die damals während rund zweier Monate einen eigenen Kanton bildete, dem Kanton Schaffhausen anschliessen – nach zwei Jahren liess man aber im Unguten wieder voneinander los. Die Zürcher verschmähten uns zu jenen Zeiten. Fazit: Wir bleiben gerne Thurgauer, für uns lässt sich «assoziiert» mit dem Kanton gut leben.

Solche Gedanken sind nicht neu und werden immer wieder einmal aufgeworfen. Zuletzt öffentlich am Ende der Amtszeit von Hanspeter Ruprecht. Jede Idee hat ihre Zeit. Aus meiner Sicht ist die Zeit für solche Fragen aktuell nicht und wahrscheinlich noch lange nicht reif.

Gemeinden von aussen sind bei uns natürlich herzlich willkommen. Angebote können eingereicht werden bei uns. Feuerthalen, Flurlingen und Laufen-Uhwiesen wären ideale Zürcher Überlaufkandidaten zwecks Sicherstellung eines Brückenkopfes am Rhein, und für Büsingen am Hochrhein geben wir den Deutschen unseren Waldbesitz bei Grafenhausen im Schwarzwald als Gegengeschäft.

Zu einem allfälligen Wechsel des Stammertals zum Thurgau meine ich: Prüfet alles, das Beste behaltet. Ein Wechsel Bischofszells zum Kanton St. Gallen könnte durchaus eine Option sein. Wir müssten dann weniger Steuern abliefern. Der Kanton würde uns kräftiger unter die Arme greifen; wir bekämen sogar Subventionen im Finanzausgleich, was im Thurgau nicht ist. Das Schulsystem wäre der politischen Führung näher und in der Gemeinde mitgehend, das heisst besser integriert. Die Kantonsschüler müssten in den am nächsten gelegenen Gymnasien das Schulgeld nicht auf Heller und Pfennig selber bezahlen.

Früher verhinderte der Bischof von Konstanz (Gründer der Stadt Bischofszell), dass Bischofszell zum Kloster St. Gallen kam, weil er Bischofszell als Bollwerk gegen die Appenzeller missbrauchte. Im Verlaufe der Jahrhunderte traten immer wieder einmal solche Gelüste auf. Letztmals, als der Bezirk Bischofszell aufgehoben wurde und sich Bischofszell neu ausrichten respektive in einen anderen Bezirk einordnen musste.

Bei einem Anschluss an St. Gallen könnten wir die Altstadt-Umfahrung mit einer Westumfahrung besser planen, weil dann der Thurgau nicht nach 400 Metern endete und der Kanton St. Gallen sich weigerte, die Umfahrungsstrasse auf seinem Kantonsgebiet weiterzuführen. Ferner wäre dann ein Ortsbezeichnungsproblem gelöst, weil im Weiler Entetswil nicht zwei verschiedene Ortschaftstafeln stehen würden: vom Thurgau her «Entetswil TG» und von St. Gallen her «Entetschwil SG», weil die Kantonsgrenze mitten durch die Ortschaft gelegt ist und kein Kanton seine Namensgebung anpassen will. Ein Ort – zwei verschiedene Namen. Seldwyla lässt grüssen.

Die Bischofszeller Stadtschützen sind seit Jahren in treuer Verbundenheit im Schiessstand Niederbüren willkommen und teilen sich nicht nur das Schiesswesen, sondern auch noch das Miteigentum an der Schiessanlage, was dann den kantonalen Schützenverbänden doch einiges Kopfzerbrechen brachte. In einem Punkt wären wir nicht froh, nach St. Gallen zu wechseln, nämlich: die schöne und ergreifende Thurgauer Hymne nicht mehr singen zu dürfen.

Ein Kantonswechsel Wils von St. Gallen in den Thurgau wäre lediglich die Wiederherstellung eines alten Zustandes: Historische Quellen berichten, das Defensionale von 1647, also die neue eidgenössische Wehrorganisation zur Aufrechterhaltung der Neutralität, sei in «Wyl im Thurgau» geschlossen worden. Und der «Allgemeine historische Handatlas» von 1886 enthält eine Karte des einstigen Gebietes «Turgowe», in dessen nördlicher Hälfte die Stadt Wyl zwischen «Winterdura» und «St. Galli» zu finden ist.

Bestrebungen für einen Kantonswechsel gab es bisher nicht, aber für die Vereinigung der hiesigen Kantone zu einem Grosskanton Ostschweiz: Es waren auch St. Galler und Thurgauer Regierungsräte, die immer mal wieder von einem «Kanton Ostschweiz» geträumt haben. Eine gute Sache – nachteilig daran wäre für den Thurgau eigentlich nur der Umstand, dass dieses Grüppchen die Stadt St. Gallen und nicht Frauenfeld als Hauptort favorisiert hat. Das ist natürlich auch aus Wiler Sicht falsch – schliesslich wäre Wil viel zentraler gelegen in einem solchen neuen Kantonsgebilde. Und unser Hof zu Wil in der Altstadt wäre geradezu prädestiniert als neues Regierungsgebäude, nachdem ja schon die St. Galler Fürstäbte während Jahrhunderten darin ihren Regierungs- und Zweitwohnsitz gehabt haben.

Wil verfügt als drittgrösste Stadt bereits im Kanton St. Gallen über ein entsprechend grosses Gewicht, auch wenn unsere Stadt ganz am westlichen Ende des Kantons und «weit weg» von der Kantonshauptstadt liegt. Aber wie heisst es so schön? «Weit weg vom Geschütz gibt alte Krieger…»

Zurzeit kann ich keine konkreten Vorteile eines Anschlusses, etwa in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder politischer Hinsicht erkennen – wobei natürlich schon die blosse Zugehörigkeit zu «Mostindien» eine Aufwertung und ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil wäre.

Über die Kantonsgrenze hinweg pflegen Wil und Rickenbach gute Beziehungen, und sie kooperieren in etlichen Bereichen. Kantonswechselfragen stellen sich bei uns nur zur Fastnachtszeit. Gedanken in Richtung Fusion – mehr scherzhafter Natur – hat es schon gegeben. Aus Rickenbacher Sicht, die vom ehemaligen Wiler Stadtpräsidenten Bruno Gähwiler geteilt wurde, hätte jedoch im Zuge einer Fusion nicht Rickenbach, sondern die Stadt Wil den Kanton gewechselt.

Zusammen mit Rickenbach – und allenfalls weiteren Thurgauer Gemeinden in Stadtnähe – würde Wil zur grössten Thurgauer Gemeinde avancieren. Im gegenteiligen Fall (Verbleib der Fusionsgemeinden im Kanton St. Gallen) würde sich Gross-Wil auch weiterhin im Schatten der Stadt St. Gallen bewegen, sportlich, kulturell, politisch und so weiter. Rickenbach ist im Kanton Thurgau dermassen gut aufgehoben, dass eine Fusion mit Wil nur dann von Vorteil wäre, wenn Wil in den Thurgau wechselte.

Bedeutend unkomplizierter wäre grundsätzlich eine Fusion von Rickenbach mit der Thurgauer Nachbargemeinde Wilen. Im Gegensatz zu rechtlichen Hürden wie im Fall einer Fusion mit der Stadt Wil sind es hier jedoch im wesentlichen mentale Hürden, die bis heute ein Zusammengehen verunmöglicht haben. An einen Fusionspartner würde Rickenbach derzeit nur eine einzige Bedingung stellen: Er müsste einen frei verfügbaren Sportplatz in die Ehe einbringen.

Natürlich kommt aus verschiedenen Kreisen immer wieder die Idee auf, dass wir uns dem Kanton Thurgau anschliessen könnten. Doch ernsthafte Bestrebungen sind meines Wissens nicht im Gang. Die 26 Gemeinden im Kanton sind in den nächsten Monaten gefragt, da es um Strukturreformen geht, welche die Schaffhauser Regierung zur Abstimmung bringen wird.

Es gibt keinen Grund, den Wechsel einer Gemeinde vom einen in den anderen Kanton zu behindern, vorausgesetzt, dass er in seinen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen breit erörtert und auf demokratischem Weg – erforderlich wären Abstimmungen auf allen drei Staatsebenen – zustande käme; auch nicht bei Beteiligung von St. Galler Gemeinden. Wäre der Vorschlag des 1848 in den Bundesrat gewählten Tessiner Lehrers, Publizisten und Statistikers Stefano Franscini Tatsache geworden, würden solche kleinräumigen Diskussionen heute wohl aber kaum stattfinden. Er konzipierte eine Schweiz mit gerade mal fünf Regionen: «Alpenschweiz» (Innerschweizer Kantone ohne Luzern, Glarus, Wallis, Berner Oberland, Graubünden ohne das Misox), «Südliche Schweiz» (Tessin und das Misox), «Östliche Schweiz» (Zürich, Thurgau, St. Gallen, beide Appenzell), «Nördliche Schweiz» (Aargau, beide Basel, Schaffhausen, Solothurn, Luzern, Bern ohne Jura und Oberland), «Westliche Schweiz» (Genf, Waadt, Freiburg, Neuenburg, Jura mit Berner Jura). Ob man damals vielleicht auf ihn hätte hören müssen?

Einen Wechsel zum Thurgau sehe ich aus folgenden Gründen nicht: Wir sind seit 1798 beim Kanton Schaffhausen, das heisst, wir brauchen nur noch ein wenig Geduld, dann können wir 250 Jahre Kantonszugehörigkeit feiern. Ein Wechsel zum Thurgau bedeutet zurück auf Feld 1, all die vielen Jahre vorher sind für die Katz. In Schaffhausen gehören wir zu den grösseren Gemeinden – im Thurgau wären wir nur noch ein Zwerg zwischen einer Überzahl an Riesen.

Mögliche Vorteile eines Wechsels zum Thurgau wären allerdings die Kantonsfinanzen und dass der schöne Bodensee dann auch uns gehören würde. Vermutlich würden wir willkommen geheissen, da wir vom Bild her passen würden (viel Landwirtschaft mit Obstbäumen). Die Bevölkerung ist grossenteils gutbürgerlich. Ein Anschluss an Deutschland wäre momentan wohl nicht so gut, denn nach dem Ausgang der Abstimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative könnte es theoretisch so sein, dass wir bei einem Besuch bei unseren Angehörigen in der Schweiz die Mitbringsel wie zum Beispiel Osterhasen verzollen müssten. Und gleichzeitig wären wir dann auch noch Ausländer.

Kreuzlingen TG - PK Stadtrat Kreuzlingen Legislatur Halbzeit - im Bild, Stadtammann Andreas Netzle. Bild: Nana do Carmo / TZ 20.06.2013 (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Kreuzlingen TG - PK Stadtrat Kreuzlingen Legislatur Halbzeit - im Bild, Stadtammann Andreas Netzle. Bild: Nana do Carmo / TZ 20.06.2013 (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Diessenhofen TG , 25.01.2011 / Gemeindeammann von Diessenhofen Walter Sommer . Bild: Donato Caspari (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Diessenhofen TG , 25.01.2011 / Gemeindeammann von Diessenhofen Walter Sommer . Bild: Donato Caspari (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Frauenfeld TG - Andreas Balg, Leiter Wirtschaftsfoerderung. Nana do Carmo / TZ 01.12.2011 (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Frauenfeld TG - Andreas Balg, Leiter Wirtschaftsfoerderung. Nana do Carmo / TZ 01.12.2011 (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen

Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen

Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen

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BILD FüR KOPF DES TAGES: Stadtratswahlen in Wil neue Stadtpräsidentin Susanne Hartmann (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

BILD FüR KOPF DES TAGES: Stadtratswahlen in Wil neue Stadtpräsidentin Susanne Hartmann (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Ivan Knobel Rickenbach (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Ivan Knobel Rickenbach (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Stadtpräsidentin Stein am Rhein (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

Stadtpräsidentin Stein am Rhein (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

REGIERUNGSGEBÄUDE, ST. GALLEN: Regierungsrat Stefan Koelliker informiert nach seiner Krebserkrankung die Medien. [7 January 2014] (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

REGIERUNGSGEBÄUDE, ST. GALLEN: Regierungsrat Stefan Koelliker informiert nach seiner Krebserkrankung die Medien. [7 January 2014] (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

OLYMPUS DIGITAL CAMERA (Bild: Eveline König Gemeindepräsidentin Ramsen)

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