Nur noch Platz im Altersheim

Armut im Alter nimmt zu, sagt die Pro Senectute. Wer als Senior mit mehrseitigem Betreibungsregisterauszug die Wohnung verliert, hat ein grosses Problem. Das kann zu einem verfrühten Eintritt in ein Altersheim führen.

Silvan Meile
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Raimund Disch, Berater der Pro Senectute, bespricht mit Marirosa Caile deren in Schieflage geratene Lebensumstände. (Bild: Reto Martin)

Raimund Disch, Berater der Pro Senectute, bespricht mit Marirosa Caile deren in Schieflage geratene Lebensumstände. (Bild: Reto Martin)

KREUZLINGEN. Marirosa Caile hat ihre Finanzen schon lange nicht mehr im Griff. Die Rechnungen bezahlt sie viel zu spät, wenn überhaupt. Der Auszug des Betreibungsregisters füllt mehrere Seiten. Mit dem Tod ihres Lebenspartners wird der 70-Jährigen erst richtig bewusst, dass ihr Leben aus dem Ruder läuft. Sie zieht sich in ihre eigenen vier Wände zurück. «Ich habe wie eine Einsiedlerin gelebt», sagt sie. Und dann verliert sie auch noch ihre Wohnung, weil der Vermieter Eigenbedarf anmeldet. Marirosa Caile weiss nicht, wohin sie soll. Sie schaut sich zwar Dutzende Wohnungen an – bis ins Bernbiet, wie sie sagt – doch niemand will die Seniorin aus Eschenz als Mieterin. Viel zu sehr schreckt ihr Betreibungsregisterauszug ab.

1100 Franken Monatsmiete dürfte ihre Wohnung maximal kosten, damit ihre Finanzen aus AHV und Ergänzungsleistungen im Lot bleiben und sich keine neuen Schulden anhäufen. Ihre Pensionskassengelder habe sie in die Computerfirma gesteckt, die sie mit ihrem Lebenspartner betrieb. Das Geld ging später in einem Konkurs auf. Auf Vermögen kann sie nicht zurückgreifen. Ihre Wohngemeinde Eschenz verwies schliesslich auf das Angebot der Pro Senectute.

50 von 1300 Fällen sind intensiv

«Ich bin erschrocken», sagt Raimund Disch. Bei seinem ersten Besuch in der Wohnung von Marirosa Caile stach dem Pro-Senectute-Stellenleiter in Kreuzlingen und Diessenhofen erstmals deren Messie-Syndrom ins Auge. Mehr als 10 000 Franken wird es später kosten, die Wohnung zu räumen und zu reinigen. Doch damit sind nicht alle Probleme aus dem Weg geräumt. «Sehr komplex», sagt Disch, sei dieser Fall. Er organisiert einen Treuhänder, der sich fortan den Finanzen der Seniorin annimmt. Auch wird die psychiatrische Spitex für wöchentliche Treffen aufgeboten. Die Pensionärin soll wieder Lebensmut finden. «Und sie musste sich emotional lösen von all ihren Gegenständen», sagt Disch. «Solche Fälle nehmen zu», erklärt der Sozialarbeiter. Insgesamt berät und begleitet die Organisation bis zu 1300 Personen jährlich, sagt Ursula Dünner, Geschäftsführerin der Pro Senectute Thurgau. Rund 50 Personen davon benötigen intensivste Betreuung.

Sie versteckt sich nicht mehr

Der Kündigungstermin der Wohnung von Marirosa Caile rückte immer näher. Raimund Disch konnte in Gesprächen mit dem Vermieter den Termin noch etwas hinauszögern. Doch eine Wohnung konnte für die Seniorin nicht gefunden werden. Schliesslich fand die Pro Senectute für sie einen Platz in einem Altersheim in Kreuzlingen, obwohl sie zu jung und zu fit dafür ist. Seither parkt Cailes alter Pontiac davor. Dieser und monatlich 241 Franken Taschengeld sind ihr geblieben.

«Ein Auto als Heimbewohnerin mit Ergänzungsleistungen ist durchaus speziell», sagt Disch. Seine Klientin könne eigenständig leben, sei nicht auf Pflege angewiesen. Deshalb braucht sie eine eigne Wohnung. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagt Caile, «doch noch eine Wohnung zu finden.» Dank der Pro Senectute habe sie wieder Lebensmut gefunden. Trotz ihrer schwierigen Situation wolle sie sich nicht mehr verstecken. «Ich habe Hilfe gebraucht und Hilfe bekommen», sagt sie. Dazu stehe sie auch.

Für Raimund Disch ist das ein typisches Beispiel von Altersarmut, wie sie auch im Thurgau vorkommt. Und die demographische Entwicklung und die laufend anonymer werdende Gesellschaft würden die Problematik weiter verschärfen. «Die Dunkelziffer solcher Fälle ist hoch», sagt er. «Niemand weiss, was hinter all den Häuserfassaden für Zustände herrschen.»