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Nur «Mostindien» überlebte

Die Bezeichnung «Mostindien» taucht 1853 in der humoristischen Wochenzeitschrift «Postheiri» erstmals auf. Damals haben auch andere Orte und Kantone einen «kolonialen» Spitznamen erhalten. Jener für den Thurgau hat sich erhalten.
Peter Bretscher *
Thurgauer Landkarte in Form einer Birne, Karikatur aus dem «Postheiri». (Bild: pd)

Thurgauer Landkarte in Form einer Birne, Karikatur aus dem «Postheiri». (Bild: pd)

FRAUENFELD. Der schnelle Zugriff auf die Webseite des Kantons Thurgau auf Wikipedia verrät Folgendes: «In der Schweiz heisst der Kanton Thurgau volkstümlich seit dem 19. Jahrhundert auch <Mostindien>. Der Bestandteil <Most> ergibt sich aus der Eigenschaft als Apfel-Anbaugebiet, während die Verbindung mit Indien daher rührt, dass die Form des Kantons der von Indien ähnelt. Aber eigentlich bezieht sich dieser Name auf den Oberthurgau, wo seit dem Spätmittelalter im tiefgründigen Boden ausgedehnte Obstgärten (Äpfel und Birnen) angelegt waren und wo vornehmlich Most oder Saft produziert wurde.»

Berlimost von Chronisten gelobt

Tatsächlich war der Thurgau bereits seit Jahrhunderten für die Qualität dieser Produkte bekannt. Der frühneuhochdeutsche Schriftsteller Johann Fischart rühmt im 16. Jahrhundert den «berlimost» als Besonderheit «im Türgöw»; ähnlich soll sich der St. Galler Humanist und Reformator Vadian geäussert haben. Der Schaffhauser Münsterpfarrer und Chronist Johann Jakob Rüeger berichtet 1606: «Das best Trank im Turgöw nennend si Berlimost. Diser Berlimost ist von einer sonderen Art der Biren g'macht.» Ähnlich Johann Jakob Scheuchzer, Zürcher Arzt und Naturforscher, 1707: «Den besten Most nennen die Thurgauer Berli- oder Bergbirenmost; den führet man auch in andere Land und schenket ihn aus vor [als] einen frömden, süssen Wein.»

700 000 Apfel- und Birnbäume

Seit dem 18. Jahrhundert wurde der Obstanbau Gegenstand wissenschaftlichen Interesses und seine Verbesserung propagiert. Denn: Obst ist grün und gedörrt das ganze Jahr hindurch geniessbar, und gepresst liefert es einen schmackhaften Most, der «gewiss vil gesünder als etwan schlechter Wein ist». Seit etwa 1800 nahm die Obstkultur ganz allgemein zu und erlangte in der Schweiz eine so grosse Ausdehnung wie «vielleicht in keinem Lande Europas», stellte eine eidgenössische Expertenkommission 1844 fest. In der Jahrhundertmitte dürfte im obstbaumreichen Thurgau mit rund 700 000 Apfel-und Birnbäumen etwas mehr als die Hälfte des Ertrages zu Most verarbeitet worden sein. In der Nordostschweiz bildete dieser nicht nur in Gaststätten, sondern ganz allgemein das meistkonsumierte Getränk.

1837 heisst es im Thurgau: «Der unentbehrlichste Beisatz bei jeder Mahlzeit ist jedoch der Apfel- und Birnmost. Wenn es an Milch fehlt, so darf er beim Frühstück schon neben dem Haferbrei nicht fehlen; er erscheint wieder beim Zwischenbrot vormittags, beim Mittagessen, beim Abendessen, beim Nachtessen. Selbst Kinder löschen den Durst nicht mit Wasser, sondern greifen nach dem stets bereit stehenden Mostkrug.»

Auch andere Orte umbenannt

Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung des Spitznamens «Mostindien» zu verstehen. Tatsächlich gleicht die Thurgauer Landkarte in groben Zügen den Umrissen Indiens, doch war dies bei der Namensgebung nicht stichhaltig. Vielmehr ist an ein Wortspiel mit den damaligen Kolonien in «Ostindien» zu denken; eine geographische Bezeichnung zur Unterscheidung von Westindien, wofür man einst die karibischen Inseln hielt.

Besondere Nahrungsgewohnheiten bescherten nicht nur dem Thurgau, sondern auch anderen Kantonen und Städten klingende Namen: Böllenopel, Böllenopolis (Stadt Schaffhausen), Böllenstan, Böllenopolitanien (Kt. Schaffhausen), Schabziegeranien, Schabzigrizien (Kt. Glarus), Milch-Zouavien (Appenzell), Polentarier (Tessiner), Schnitzilien – in Anlehnung an gedörrte Apfelschnitze (Kt. Zug), Schnitzopolis (Stadt Zug). Die auch dort ausgeprägte Vorliebe für Most führte später sogar zu einer Übertragung des bereits thurgauisch besetzten Namens: Auch Ennetsee (Westufer des Zugersees) wurde zeitweise «Mostindien» genannt.

Kaum eine dieser Ortsbezeichnungen hat langfristig überlebt. Weitere Thurgauer Namen waren etwa das kolonialsprachlich übersetzte Ladiesfield (für die mostindische Metropole Frauenfeld) oder lateinische Anlehnungen: Cornu Romanorum (Romanshorn) und Amoris villa (Amriswil). Dann gab es eigentliche Zungenbrecher, denen eine echt (most-)indische Wortbildung zugrunde lag: Arenaguhr (Arenenberg), Bischopspur (Bischofszell), Ermatapam (Ermatingen), Steckbornagur (Steckborn) oder Triboldputer (Triboltingen).

Apfel auch heute als Logo

Der schweizweit beinahe letzte bekannte Name dieser Ära, der noch gebraucht wird, ist «Mostindien». Grund für seine ungebrochene Popularität ist nicht zuletzt die Tatsache, dass sowohl Obstanbau als auch Mostherstellung und -konsum hier nach wie vor von Bedeutung sind. Der Apfel dient zudem erneut als kollektives Etikett. Nicht mehr als leicht ironisierende Zuschreibung durch Aussenstehende, sondern als modernes, verinnerlichtes Symbol eines im Aufbruch befindlichen selbstbewussten Kantons.

* Peter Bretscher vom Historischen Museum Thurgau ist Kurator der Volkskundlichen Sammlung und Leiter des Schaudepots St. Katharinental

Im ländlichen Thurgau: Elsbeth und Greth unterhalten sich auf Mostindisch. (Bild: pd)

Im ländlichen Thurgau: Elsbeth und Greth unterhalten sich auf Mostindisch. (Bild: pd)

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