Nora und die Poesie der Joghurtballons

Ein Meitli mit Locken. Es mag überhaupt nicht: Käse, Süsichkeiten, Polenta, Tortelini, Schokolade, Tierfersuche. Die kleine Nora hadert nicht mit der Sprache. Sie schreibt drauflos – nämlich einen Steckbrief für die Rosenbergs in Frauenfeld.

Mathias Frei
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2015: Die glückliche Ingeborg-Bachmann-Preis-Trägerin in Klagenfurt. (Bild: EPA/Gert Eggenberger)

2015: Die glückliche Ingeborg-Bachmann-Preis-Trägerin in Klagenfurt. (Bild: EPA/Gert Eggenberger)

Ein Meitli mit Locken. Es mag überhaupt nicht: Käse, Süsichkeiten, Polenta, Tortelini, Schokolade, Tierfersuche. Die kleine Nora hadert nicht mit der Sprache. Sie schreibt drauflos – nämlich einen Steckbrief für die Rosenbergs in Frauenfeld. 1988 war das, ihr zweiter Sommer bei der Familie von alt Regierungsrat Felix Rosenberg, der im Frühling vor einem Jahr verstarb, und dessen Frau Monika.

23 Jahre später nimmt Nora mit Tränen in den Augen den Ingeborg-Bachmann-Preis entgegen, diesen Juli war es. Nora Gomringer wurde mit dem wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreis ausgezeichnet. Eigentlich Nora-Eugenie Gomringer: Tochter von Eugen Gomringer, der die Konkrete Poesie prägte und in den 1960ern in Frauenfeld lebte. «Einziges Mädchen nach sieben Brüdern», wie Nora Gomringer selber sagt.

Kühl ist's im Steinhaus

Die Sommer 1987 und 1988 verbringt Nora bei Rosenbergs. «Ein steinernes, kühles Haus mit einem Garten in sommerlicher Hitze. Familie Rosenberg mit Monika, der Rad fahrenden Journalistin mit herrlichem Haar», denkt sich Nora Gomringer zurück. «Nora war ein lustiges, kugelrundes Meitli», erinnert sich Monika Rosenberg.

Das Konkrete verband Eugen Gomringer freundschaftlich mit dem Frauenfelder Künstler Natale Sapone. Und Rosenbergs waren mit Sapone befreundet. Die Gomringers lebten in der Nähe des oberfränkischen Hof, waren aber oft auf Reisen.

Meme und die vielen Tierli

Rosenbergs haben zwei Töchter und einen Sohn. Die jüngste namens Mechthild – oder Meme – ist nur drei Jahre älter als Nora. Die Rosenberg-Kinder sind Nora «zunächst fremd, aber zunehmend freundlich und vertraut». Im Rosenberg-Garten hatten es Häsli, Schildkröten und ein Hund gut. Nora hat auch ein Hündli, einen Chihuahua namens Igor. Monika Rosenberg muss herzlich schmunzeln, wenn sie sich an Igor erinnert.

Nora Gomringer kommen die Heissluftballons am Himmel in den Sinn, welche die Form eines Toni-Joghurt-Gläsli hatten, wenn sie an Frauenfeld denkt. Und: «Nachbarskinder und Tischtennisturniere, grosse Spinnen am Abend an der Zimmerdecke.» Aber Frauenfeld ist noch mehr für sie: «Die Stadt meines Vaters, die Zeit bei der SIA, die Familie dort.» Denn bis 1967 ist Eugen Gomringer Werbeleiter der SIA in Frauenfeld, lebt mit seiner jungen Familie hier, publiziert über seine «eugen gomringer press».

Mit Bier zurückkommen

Jahre später, in Darmstadt, drängt sich wieder Frauenfeld auf. Nora Gomringer lernt 2003 an den deutschsprachigen Meisterschaften des Poetry Slams Slam-Poeten aus Frauenfeld kennen. Man sitzt auf dem Boden, ist sich von Anfang an sympathisch, trinkt zusammen Bier. 2005 wieder in Frauenfeld: Nora Gomringer am Poetry Slam im Eisenwerk. Die Luft verraucht, Doppelsieg für Gabriel Vetter und sie.

Wenn Monika Rosenberg irgendwo ein Zeitungsartikel über Nora Gomringer ins Auge sticht, schneidet sie ihn aus und hebt ihn auf. «Die freundschaftliche Bande bleibt, wir sehen uns aber zu selten.» Monika Rosenberg schreibt 1988 in der Thurgauer Volkszeitung von der Bereicherung «temporärer Zusatzkinder» und meint damit Nora. 2009 erscheint im Winterthurer Landboten Monika Rosenbergs «Von der kleinen Nora zur grossen Dichterin». 2013 zum bisher letzten Mal in Frauenfeld: Nora Gomringer kuratiert die Lyriktage, «Verpflichtung und Ehre» zugleich. Dazu ein herzliches Wiedersehen mit der damaligen Ferien-

mutter Monika Rosenberg.

«Schön, dass es so einen Ort gibt, wo man ein bisschen eingeschlossen ist im Weckglas und wie ein Glühwurm aufleuchten darf», sagt Nora Gomringer über dieses, ihr Frauenfeld – und herzlich Danke, «für das Erinnern-an-mich».

1987: Nora mit Rosenberg-Tochter Mechthild im Garten in Frauenfeld. (Bild: pd/Monika Rosenberg)

1987: Nora mit Rosenberg-Tochter Mechthild im Garten in Frauenfeld. (Bild: pd/Monika Rosenberg)

1988: Noras Steckbrief für die Familie Rosenberg. (Bild: Mathias Frei)

1988: Noras Steckbrief für die Familie Rosenberg. (Bild: Mathias Frei)

2005: Auf der Bühne des Frauenfelder Poetry Slams im Eisenwerk. (Bild: pd/Ivo Engeler)

2005: Auf der Bühne des Frauenfelder Poetry Slams im Eisenwerk. (Bild: pd/Ivo Engeler)